Wien - Ob Burgenland, Steiermark oder Niederösterreich: Trotz Prachtwetters ertönen aus der Gastroszene Klagen über einen nur mäßigen Geschäftsverlauf im heurigen Sommer. Tenor eines vom STANDARD gemachten Rundrufs: Die Leute sind sparsamer, viele haben auch sieben Monate nach Einführung des Euro noch immer kein Gefühl für das neue Geld entwickelt. Vor allem Heurigenwirte in Wien klagen über Umsatzeinbrüche. "Statt ein Weinhaus sind wir ein Wasserhaus geworden. Die Leute trinken weniger Wein, sparen beim Essen und beim Trinkgeld", fasst Hugo Reinprecht seine Erfahrungen im Gespräch mit dem S TANDARD zusammen. Von den rund 10.000 Sitzplätzen in der Heurigenhochburg Grinzing kontrolliert er allein etwa 800. Firmen zugeknöpfter Sparsamer seien nicht nur die Touristen. Auch Firmen zeigten sich zugeknöpfter. "Früher haben wir ein Buffet aufgebaut ohne allzu große Vorgaben. Jetzt heißt es: ein paar kalte Sachen, eventuell Schnitzel oder Schweinsbraten mit Salat, ein Viertel Wein pro Person und eine Halbe Soda. Schluss." Unterm Strich bleibe weniger Geld in der Kasse. Reinprecht: "Obwohl wir nur geringfügig weniger Besucher haben, liegen wir beim Umsatz etwa zehn Prozent unter dem Vorjahr." Wer in diesen Tagen das Schweizerhaus im Prater besucht, eine über Wien hinaus bekannte Bierschwemme und Stelzenverzehr-Lokalität, hat diesen Eindruck nicht. Der 1200 Plätze fassende Biergarten ist meist hoffnungslos überfüllt, der Gerstensaft fließt in Strömen. "Wir liegen jetzt leicht über Plan", sagt der Chef des Traditionsbetriebs, Karl Kolarik. Nach enttäuschenden März-und April-Ergebnissen habe sich das Blatt im Mai zum Besseren gewendet. "Der Juni war gut wie im Vorjahr, der Juli deutlich besser." Hinweis auf eine möglicherweise gestiegene Ausgabenfreudigkeit der Gäste sei das aber nicht. "Das hat mit dem exzellenten Wetter zu tun", sagt Kolarik. Impulse durch Neuregelung Die mit 1. August in Kraft getretene Novelle zur Gewerbeordnung erlaubt den Wirten, ihre Schanigärten nun das ganze Jahr bis 23 Uhr offen zu halten. Allein in Wien gibt es mehr als 2000 Gastgärten, die bisher nur von Mitte Juni bis Mitte September aufgemacht werden durften. Die Branche erhofft sich durch die Neuregelung Impulse. Den Heurigen aber droht weitere Kundschaft abhanden zu kommen, nachdem Veranstaltungen wie das Opernfilmfestival vor dem Wiener Rathaus, die Summerstage am Donaukanal oder die Trink-und Fressmeile entlang der Donauinsel bei der Copa Kagrana bereits jetzt eine starke Konkurrenz darstellen. Herbert Schilling vom gleichnamigen Heurigen in Wien-Strebersdorf kann sich im Gegensatz zu Kollegen in Stammersdorf über Zustrom an Gästen nicht beklagen. "Wir haben ein relativ junges Publikum zwischen 25 und 45 Jahren, viele Familien, kaum Touristen. Dass das Geschäft nicht abgerissen ist, führt Schilling auf den Umstand zurück, "dass wir bei der Währungsumstellung exakt umgerechnet und auch nachträglich nicht verteuert haben." Qualität statt Quantität Schilling bestätigt aber, dass weniger Wein getrunken wird. Daraus resultierende Umsatzrückgänge habe man auffangen können durch verstärkten Ausschank von Qualitätsware aus der Bouteille. Da Weiß nur begrenzt lagerbar ist, drosselt man die Produktion. "Wir machen einen immer größeren Teil der Trauben zu Saft", sagt Schilling. Traubensaft sei drauf und dran, dem Kracherl und dem Almdudler den Rang abzulaufen." (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe 5.8.2002)