Es gibt ein paar Reizwörter in der Straße von Taiwan, die - einmal ausgesprochen - die chinesische Flotte in Marsch setzen und intensive Raketentests auszulösen pflegen: "Selbstbestimmung", "Referendum" oder "Land" auf beiden Seiten der Taiwanstraße sind solche unanständigen Wörter, die in Peking keinen Gefallen finden. 1999 war das schon so, als Taiwans damaliger Staatschef Lee Teng-hui von "besonderen Beziehungen von Staat zu Staat" sprach und im Handumdrehen eine militärische Konfrontation mit China heraufbeschwor.Von seinem demokratisch gewählten Nachfolger mochte man das einerseits erwarten und andererseits doch eben nicht: Chen Shui-bian zog im Jahr 2000 als Vertreter der einem klaren Unabhängigkeitskurs folgenden Demokratischen Fortschrittspartei in den Präsidentenpalast von Taipeh ein, versprach aber gleichzeitig, während seiner vierjährigen Amtszeit auf provozierende Äußerungen gegenüber Peking zu verzichten. Dass er es nun doch tat, hat sich die chinesische Führung selbst zuzuschreiben. Chens Angebote zu Verhandlungen für eine Normalisierung der Beziehungen hat sie meist ignoriert und ihre Militärausgaben massiv gesteigert. Die Vorbereitung zur Einnahme Taiwans sei die treibende Kraft der chinesischen Verteidigungspolitik, stellte das Pentagon kürzlich in einer Studie fest. Dass China das Diplomatie-Poker ohne Gnade weiterspielt, musste Chen zudem frustriert feststellen: Ende Juli kaufte Peking der Inselrepublik Nauru die Anerkennung mit Mitteln zur Entwicklungshilfe ab. Taipeh lag mit seinem Angebot wohl darunter und kann sich fortan nur noch auf 27 Staaten stützen (und in Europa nur auf den Vatikan). Jetzt müssen die USA wieder einspringen, ein bisschen Rüstung an Taiwan verkaufen und ihren Botschafter in Peking Besonnenheit predigen lassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.8.2002)