Das Verhältnis zwischen sozialstaatlichen Pensionen im Umlageverfahren und Pensionen durch kapitalgedeckte Eigenvorsorge ist wie das Verhältnis zwischen Anleihen und Börsenkursen. Sinken die Börsenkurse, steigt die Liebe zu den sonst wenig aufregenden, dafür stabilen Anleihen. Solche Börsenkrisen und die damit verbundenen Ertragsrückgänge (oder gar Verluste) bei Pensionsfonds befördern auch die Liebe zum Umlageverfahren ganz ungemein: Es geht doch nichts über die Solidarität zwischen den Generationen.Dieses funktionierende Umlagemodell hat jedoch seit geraumer Zeit eine grundlegende Schwäche: Die Zahl der Beitragszahler geht zurück, während die Zahl der Bezieher aufgrund längerer Lebenserwartung, längerer Schuljahre und früherer "Pensionsreife" wächst. Das kann sich nicht ausgehen, es sei denn, der Produktivitätsgewinn der Gesellschaft steigt - die Fähigkeit, mit weniger Menschen mehr zu erwirtschaften. Diese Schwäche soll durch die Eigenvorsorge abgefedert werden. Aber auch Kapitalerträge können die Schwerkraft nur sehr kurzfristig überwinden - im längeren Verlauf holt sie die Realität stets wieder ein. Die aktuelle Börsenkrise zeigt, dass beide Systeme zusammen ihren Vorzug haben: die Umlage als wesentliche Absicherung und das Ansparen als Zubrot, das auch das Bewusstsein für die eigene Verantwortung befördert. Letztlich sind beide von ein und demselben abhängig: einer gut laufenden Wirtschaft, die nicht nur Kapitalerträge abwirft, sondern auch gutes Einkommen, um für die Pensionen zahlen zu können. Und im Übrigen braucht es weiterhin Anpassungen, um mit dem Kinderrückgang zurechtzukommen: etwas längere Lebensarbeitszeit und Möglichkeiten, auch nach dem offiziellen Pensionsantrittsalter dazuverdienen zu können. (DER STANDARD, Printausgabe 6.8.2002)