Mit dem Beinamen "El Capricho", die Laune oder Schrulle, wurde 1885 ein Bauwerk des jungen Architekten Antoni Gaudí (1854-1926) versehen, das dieser inmitten eines grünen Areals in Santander realisieren konnte. Ein ähnlich vages Urteil - zwischen Genie und Wahnsinn angesiedelt - begleitete auch sein baukünstlerisches Debüt in Barcelona: Denn seine Casa Vincens, mit der er sowohl die finanziellen Mittel des Bauherrn als auch den herrschenden Geschmack der Bevölkerung strapazierte, vereint die spanisch-bürgerliche Bautradition mit Elementen der maurischen und persischen Architektur.

Trotzdem sollte das Haus, einem Märchenschloss nicht unähnlich, erst der Anfang seiner lebenslangen Bautätigkeit in Katalonien sein, die mit seinem Hauptwerk - der Kathedrale "La Sagrada Familia" - noch heute unvollendet ist. Erst 2020 können die Arbeiten an dem imposanten Bauwerk abgeschlossen werden, welches international lange unberücksichtigt blieb.

Bis in die 50er-Jahre schienen die schmucken Ideen des eifrigen Katholiken und katalonischen Nationalisten der nüchternen Funktionalität des "Internationalen Stils" diametral entgegengesetzt. Bemerkenswerter Weise machte Le Corbusier seine Zeitgenossen auf die revolutionären Konstruktionsmethoden des spanischen Baumeisters aufmerksam und würdigte seinen ganzheitlichen Ansatz: Seine Rücksichtnahme auf die Physiognomie der Umwelt, seine Auseinandersetzung mit den konstruktiven Lehren der Natur und seine Farb- und Oberflächenstrukturen.

Exemplarisch für seine "organische Bauweise" steht neben seinen Palast- und Parkanlagen auch der berühmte Wohnbau "Casa Milá". Während das dort eingerichtete Gaudí-Museum wohl im Stadtplan gesucht werden muss, kann man die Spuren Gaudís - u. a. in Form von Gehsteigfliesen - in "seiner" Stadt jedoch nicht verlieren. (Christa Benzer/DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2002)