Wien - Seit Jahrzehnten sind WissenschafterInnen geteilter Meinung, ob der Nutzen von künstlichen Hormonen in den Wechseljahren oder die Gefahren dieser Behandlung überwiegen. Durch drei kürzlich publizierte Studien in Fachzeitschriften ist der Streit - vorerst in der Fachwelt - neu entbrannt. Diese hatten folgende Ergebnisse: erhöhte Risiken für Schlaganfälle und Brustkrebs (bei der Kombination von Östrogen und Progestin) sowie ein signifikant erhöhtes Risiko an Eierstockkrebs zu erkranken (bei der Einnahme von Östrogen).Welche Konsequenzen diese Erkenntnisse nun haben (können), ist fraglich. Zur Vorbeugung gegen Osteoporose, zur Reduzierung der Wechseljahrbeschwerden wie auch zur Prävention von Herzkranzgefäßerkrankungen werden Hormonpräparate von Millionen Frauen vor allem in den Industriestaaten eingenommen. Diese Präparate gibt es inzwischen in verschiedensten Varianten - zum Einnehmen, Einführen oder Einreiben. Ein Milliardengeschäft für die Pharmaindustrie. Über zwei Milliarden Euro Umsatz machte das US-Unternehmen Wyeth vergangenes Jahr mit derartigen Hormon-Präparaten, die deutsche Industrie im Jahre 2000 rund 0,6 Milliarden Euro. Kein Allheilmittel Die Östrogensubstitutionstherapie ist sicher nicht das Allheilmittel, als das es einmal angesehen wurde. Kenneth L. Noller von der Gynäkologie-Abteilung der Tufts-Universität Boston empfiehlt ÄrztInnen im Journal of the American Medical Association die Bedürfnisse jeder Patientin zu überdenken und zu versuchen, Nutzen und Risiken einer Therapie auf individueller Basis abzuwägen. Derzeit wird ein Stück Medizingeschichte geschrieben, das nicht nur zur Verunsicherung von Frauen sondern auch vielen ÄrztInnen geführt hat. Das Deutsche Ärzteblatt zitierte Ende Juli eine Umfrage, derzufolge in den USA jede/r zweite ÄrztIn den Patientinnen empfiehlt, das Medikament abzusetzen. AnwältInnen würden bereits Sammelklagen von Patientinnen vorbereiten, die sich durch die Hormonersatztherapie (HRT) geschädigt fühlen. Diskussion hält an Auch für Österreich wurden die Studien-Ergebnisse unterschiedlich kommentiert (s. "Absolut kein Grund zur Besorgnis" versus "Langzeiteinnahme kann sehr problematisch sein" ). In Deutschland zeigte sich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vorsichtig: Die Anwendung erscheine bei ausgeprägten Wechseljahrsbeschwerden für einen überschaubaren Zeitraum vertretbar. Das Amt kündigte jedoch eine Neubewertung der Östrogen-Gestagen-Kombination an. Dabei wird entscheidend sein, ob die Studien-Ergebnisse (mit US-Präparaten) auf die hier verwendeten Mittel übertragbar sind. Für das erhöhte Risiko durch eine Östrogen-Ersatztherapie an Eierstockkrebs zu erkranken scheint eine Übertragbarkeit auf Europa gegeben. Anlässlich der Eingangs bereits erwähnten US-Studie hatten WissenschafterInnen fünf europäische Studien zu Eierstockkrebs (je zwei aus Griechenland und Italien sowie eine aus Großbritannien) neu analysiert und ausgewertet. Im Journal of the American Medical Association kommen sie zum Ergebnis, dass die aktualisierte Analyse "die Hypothese einer eingeschränkt positiven Verbindung einer Hormonersatztherapie in der Menopause mit einem Eierstockkrebsrisiko unterstützt". Umdenken gefordert Der Berufsverband der Frauenärzte in Deutschland hatte sich in einer Reaktion auf die Studien bemüht, die Ergebnisse für Deutschland herunterzuspielen. Die Risiken der Hormonersatztherapie seien übertrieben dargestellt worden. In einer Presseerklärung von Anfang August fordert der deutsche Arbeitskreis Frauengesundheit zusammen mit dem Deutschen Ärztinnenbund und dem deutschen Bundesverband der Frauengesundheitszentren ein "Umdenken bei der Hormonbehandlung". Gleichzeitig "erlauben" sie sich die Frage, "ob es hier einen Zusammenhang gibt mit der von einer großen Pharmafirma gesponserten Kampagne zum Umgang mit den Wechseljahren, die der Berufsverband (der Frauenärzte, Anm.d.Red.) vor kurzem mitgetragen hat, oder auch mit der Nähe von Hormonexperten zu Pharmafirmen". Sie fordern die umfassende Informierung von Frauen "unabhängig von Interessensverbänden" und die Durchführung unabhängiger Forschungsprojekte. Welche Interessen sich auch immer durchsetzen, die Grundlage für selbständige (Mit)Entscheidungen von Frauen ist die umfassende Information. Nicht nur in den USA auch in Europa mehren sich die Stimmen von ÄrztInnen, die in Zukunft Alternativen zur Hormonersatztherapie einsetzen wollen. Daniela Yeoh