Whitewater/Wien - "Wir zeigen, dass Kondensstreifen die täglichen Temperaturunterschiede durch Blockieren des Sonnenlichts untertags und durch Einsperren der Abstrahlung in der Nacht reduzieren", berichtet David Travis (University of Wisconsin-Whitewater). "Das verschärft die Erderwärmung."So könnte man die neue Nature-Studie (Nr. 418, S. 601) nüchtern referieren. Oder man könnte die Geschichte erzählen von zwei Männern, die ein historischer Tag verbinden sollte. Von Mohammed Atta, dem globalen Terroristen, der mit dem Flug ins World Trade Center sich und Tausende andere in den Tod riss, und von Travis eben, dem Geografen, der darin eine "einmalige Gelegenheit" für die Klimaforschung erkannte. Einmalige Situation Denn infolge der Anschläge vom 11. September 2001 blieb - zum ersten Mal seit Jahrzehnten - der Himmel über den USA frei von Zivilflugzeugen. Wie Forschern, die sich mit politischen und wirtschaftlichen Systemen beschäftigen, boten Mohammed Atta und die seinen auch David Travis ein 1:1-Modell zur wissenschaftlichen Analyse: eine Atmosphäre frei von Kondensstreifen. Denn mehrere Tage lang stieg kein Flieger auf. Der Geograf nutzte die einmaligen Bedingungen, um den Einfluss der Kondensstreifen auf den Temperaturhaushalt zu untersuchen. Dazu setzte er 8. bis 11. sowie 14. bis 17. September (mit Fliegern) in Vergleich mit dem Zeitraum dazwischen. Auf der Datenbasis von 4000 Wetterstationen in den USA zeigte sich dabei eine um 1,8 Grad Celsius größere Schwankungsbreite der Temperaturen für die Zeit ohne Kondensstreifen. Beim Vergleich mit Daten seit 1971 fand Travis Historisches: Nie zuvor lagen Tagesmaximum und Minimum so weit auseinander. Die Erklärung: Die Sonnenstrahlen wurden weniger behindert bei der Tageserwärmung der Erde. Bodennahe Luft wurde nächtens weniger behindert bei der Abkühlung. Vor allem Letzterem stehen Cirruswolken - das sind die Kondensstreifen meteorologisch - im Weg. Laut "Umwelt-ABC" der Lufthansa machen sie 0,6 Prozent der Bewölkung über Mitteleuropa und zwei Prozent der Wolken über dem Nordatlantik aus. Kondensstreifen entstehen aus den Tonnen von Wasserdampf, die auf jedem Flug ausgestoßen werden. Aus einer Tonne Kerosin entstehen laut Lufthansa 1,24 Tonnen Dampf. Und der gilt als das wichtigste Treibhausgas. Aber wie welche Wolken genau aufs Klima wirken, ist eine in Fachkreisen heiß diskutierte Frage. "Man weiß sehr wenig über sie, die Datenreihen sind sehr jung", sagt denn auch Ernest Rudel, Klimatologe an der Zentralanstalt für Meteorologie in Wien, zum STANDARD. Niedrige Wolken bewirkten "eher" eine Abkühlung, höhere wie Kondensstreifen "eher einen zusätzlichen Effekt für die Erwärmung". Obwohl Rudel also die Grundtendenz des Nature-Artikels unterstützt - "Der Mensch verändert das Klima" -, hat er doch Zweifel daran, dass der Einfluss des Wetters entsprechend berücksichtigt worden ist. "Wenn Sie ein frisches Hochdruckgebiet haben, können Sie so viele Flieger drüberjagen, wie Sie wollen. Da entsteht keine Cirruswolke." Travis kontert: "Die Wetterbedingungen in der Zeit ohne Flieger waren nicht ungewöhnlich, sondern veränderlich. Der große Anstieg der Schwankungsbreite ist bestimmt nicht zufällig." (Roland, Schönbauer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2002)