Luiz Inácio da Silva - "Lula" - ist salonfähig geworden. Vom wild gestikulierenden, klassenkämpferischen Gewerkschaftsführer mit den durchschwitzten Hemden und dem wuchernden Vollbart ist in seinem vierten Präsidentschaftsanlauf nicht mehr viel übrig geblieben. Lula trägt jetzt Markenhemden, eine korrekt geknüpfte Krawatte, einen gestutzten Bart und verspricht mit ruhiger Stimme, dass Brasilien auch weiterhin seine Auslandsschulden bezahlen wird. "Ich wäre dumm, wenn ich mich in zwölf Jahren nicht geändert hätte", entgegnet er Kritikern.Doch die Mittel- und Oberschicht misstraut dem 56-jährigen Proletarier, der als Sohn einer allein erziehenden Mutter mit 16 eine Ausbildung als Dreher machte, der Gewerkschaft beitrat und 1980 an der Gründung der Arbeitspartei beteiligt war, der er bis dato treu blieb. Seine politische Erfahrung bisher: ein Abgeordnetenmandat. (wss/DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2002)