Nach einer Weile des belanglosen Gehens und nachdem einige Passanten meine Wege gekreuzt hatten, blieb ich stehen. Mir war, als benutzte ich einen ganz anderen Gehsteig als alle diese Leute. Der klumpige Gang mancher Gestalten erweckte bei mir den Eindruck, als würden diese mit ihren Schuhen im Gehen eine Kinete für sich ausscharren, während die hochgereckte Kopfhaltung ein unsichtbares Seil um den Hals ahnen ließ, das ruckartig den Rumpf nach vorne oben zog. Aus den Blicken wiederum vermeinte ich lesen zu können, dass sie mit dieser Tortur zu leben gelernt hatten. Und zwar mit einem gewissen Stolz. Und jetzt erst recht. Natürlich konnte ich nicht wissen, welche dieser Gestalten für den Regierungswechsel verantwortlich waren, aber je eingehender ich sie studierte, desto sicherer war ich mir in meiner Einschätzung. Und als ich spürte, dass ich nun soweit war, stellte ich mich dem Nächstbesten in den Weg, um ihn zu zwingen, sich zu dieser Tat zu bekennen und sich mit mir ein Schreiduell zu liefern. Der Mann, ein alter Mann, zog seine Mundwinkel grantig nach oben, wodurch sich seine Tränensäcke ausbeulten und die wässrigen Augen zu einem gemeinen Schlitz verengt wurden. Eine Schulter schob er gefährlich nahe in Richtung meines Kinns, während die andere durch zwanghaft kreisendes Zucken einen unkoordinierten Bewegungsablauf verriet, was von dem sich krumm biegenden Hals zusätzlich verstärkt wurde. Sein schräger Blick verriet das innere Zerren zwischen Angriff und Flucht. Ich warte förmlich darauf, dass sich der Alte auf mich stürzt. Vor mir lief ein Film ab, in dem ich dem Angreifer meine Reißzähne tief zwischen die Rippen stoße, während ich ihm mit den Händen schmerzhafte Quetschungen an den Hoden zufüge. Der Mann aber gab heiser gurgelnd eine Bemerkung von sich, die sich anhörte wie: „schdabrozznkagruambudlgrozzto“. Dann fasste er seinen Mantel beim Kragen, richtete seine Körperpartien durch nach oben stochernde Schultern wieder ein, brachte Rumpf und Beine in Gehrichtung nach vorne, wobei er während der ersten Schritte mit seinem inzwischen eingezogenen Kopf das Gesicht in meine Richtung verweilen ließ, dabei seine Augen einige Male ruckartig von unten nach oben bewegte und seinen ausgebeulten Lippen Formen verlieh, die denen einer Giraffe beim Abzupfen von Akazi enblättern ähnelte. Mit diesem widersprüchlichen Verhaltensauffälligkeiten entfernte er sich aus meinem Sichtfeld. Bei mir begann sich ein Gefühl des Mitleids mit dem Al ten einzuschleichen. Es überkamen mich Schuldgefühle, dass ich nicht eingelenkt und die Sache zu einem versöhnlichen Ende gebracht hatte. Womöglich war der Mann oft traurig und schlürfte einsam seine Suppe, in die er trockenes Brot eintunkte. Vielleicht ging er manchmal alleine im Nebel durch den Park, sann still vor sich hin und schneuzte sich in sein braunkariertes Stofftaschentuch. Sicher besuchte er öfters das Grab seiner Mutter oder verstorbenen Frau. Oder er rief bei seiner Tochter an, aber niemand meldete sich. Wie oft er wohl enttäuscht den Telefonhörer wieder auflegen musste? Kurz dachte ich daran, dem Alten nachzugehen und mich bei ihm zu entschuldigen. „Kommen sie.“ Die Stimme einer alten Frau riss mich aus meinen Gedanken. „Sie stehen schon seit einer Stunde da mit aufgerissenen Augen, gefletschten Zähnen und krampfartig entstellter Körperhaltung. Jaja, wir gehen schweren Zeiten entgegen.“ Ich befreite meine Glieder aus ihrer unglücklichen Verkettung und ging ohne eine Dankeschön nach Hause.