Sao Paulo/Wien - "Welche Krise?", fragt Peter Athanasiadis, von der Wirtschaftskammer in die brasilianische Industriemetropole Sao Paulo entsandter Handelsdelegierter, als ihn der STANDARD auf eventuelle Auswirkungen einer solchen auf heimische Firmen ansprechen wollte. "Keine Frage, Brasilien hat Probleme mit einer Staatsschuld von 58 Prozent des BIP." Auch sei der Leitzinssatz von 18 Prozent zu hoch. Weiters seien der Abfluss von ausländischem Kapital - "die Achillesferse der brasilianischen Wirtschaft" - und die jüngste Verteuerung des Euro nicht von Vorteil für das fünftgrößte Land der Welt. Aber "von einer Krise reden hauptsächlich irgendwelche Wall-Street-Buben, die nichts wissen über die Situation in Brasilien." Die Inflation sei im lateinamerikanischen Vergleich niedrig, das Budget produziere seit vier Jahren Überschüsse, heuer erstmals gehe das Wirtschaftswachstum leicht zurück. Argentinien hingegen stecke seit vier Jahren in der Rezession. Zig Baustellen "Rund um unser Büro in Sao Paulo gibt es zig Baustellen, das macht nicht den Eindruck einer Krise", so Athanasiadis weiter. Darüber hinaus habe er unlängst Vertreter österreichischer Firmen aus den Bereichen Medizintechnik, Maschinen- und Werkzeugbau im Land gehabt, "alles Mittelbetriebe, die Niederlassungen gründen wollen". Negative Effekte auf Österreicher gebe es aber schon, die Exporte nach Brasilien sanken im Halbjahr um ein Fünftel. Beim Energieausbau, etwa bei der Wasserkraft, wo unter anderem die VA Tech dabei ist, laufe es aber "nach wie vor gut". Vom früher dämonisierten Präsidentschaftskandidaten Lula da Silva fürchte er keinen Schaden: "Ich halte es für ausgeschlossen, dass Lula die Schulden nicht zahlt." Nicht einfach zu beurteilen sei hingegen die Haltung von Ciro (Gomes). Wifo-Ökonom Stephan Schulmeister kommentiert das Krisengerede: "Die überzogenen Reaktionen auf Nachrichten zeigt ein grundsätzliches Problem der Finanzmärkte." Es gebe in der derzeitigen Unsicherheit "eine Tendenz zum Überschießen". Die Wall Street reagierte auf das IWF-Hilfspaket am Donnerstag knapp nach Handelsbeginn mit steigenden Kursen. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe 9.8.2002)