Man kann über sein für einen Rechtsanwalt - aus europäischer Sicht ungewohnt - theatralisches Auftreten geteilter Meinung sein. Fakt ist: US-Anwalt Edward Davis Fagan hat es geschafft. Teile der Zivilverfahren um Schadenersatzansprüche nach der Seilbahnkatastrophe von Kaprun werden auch vor einem US-Gericht verhandelt werden.Der Ausgang des namens der Angehörigen von sechs US-Opfern gegen die Siemens AG angestrengten Verfahrens - weitere könnten folgen - ist zwar völlig offen, einen Sieger gibt es aber schon: den 1952 in Texas geborenen Fagan. Die Werbung in eigener Sache ist unbezahlbar. Die Öffentlichkeit dürfte es später nur mehr am Rande interessieren, ob überhaupt beziehungsweise in welcher Höhe Zahlungen erstritten wurden. Dabei müsste Fagan, der sich gerne als Idealisten ohne Eigeninteressen darstellt, in Sachen Bekanntheitsgrad gar nichts drauflegen. Spektakuläre "Fälle", wie etwa sein Eintreten für Entschädigungszahlungen an Opfer des Holocaust, haben "Ed" weltweit als Spezialisten für Sammelklagen bekannt gemacht. Konflikte mit den Mächtigen scheut er dabei nicht. Im Juni dieses Jahres kündigte Fagan an, gegen Schweizer Großbanken im Namen südafrikanischer Apartheid-Opfer Entschädigungsklagen einzubringen. Die Banken hätten geholfen, das rassistische Regime an der Macht zu halten. Fagan verlangt 55 Milliarden Euro. Klagen gegen britische und französische Geldinstitute sollen folgen. Selbst wenn sie dem Advokaten mit dem Robin-Hood-Gehabe nicht immer wohlgesonnen sind, seine wahren Verbündeten sind die Medien. Starke Sager, in denen er schon einmal jemanden zur Hölle wünscht, sind der Stoff, aus dem Schlagzeilen sind. Und Berichterstattung - egal welcher Art - ist oft das Letzte, was sich seine Kontrahenten wünschen. Gegen Fagans mediengerechte Inszenierungen haben sie freilich selten ein Mittel zur Hand. Das Totschlagargument, Fagan sei nur geldgierig, zieht nicht. Dies trifft zumindest nach gängiger Stammtischmeinung ohnehin auf die meisten Anwälte zu. Vor allem passt es nicht mit seiner Lebensgeschichte zusammen. Diese ließe sogar auf ein gewisses Sendungsbewusstsein schließen. 1971 begann der damals 19-Jährige in Israel Ausbildung zum Rabbiner, die er 1974 wieder abbrach. Im Jom-Kippur-Krieg bereitete er dann Gefallene für die Beerdigung vor. Seine juristische Laufbahn startete der Vater zweier Kinder erst im Jahr 1977, als er an der Yeshiva-Universität New York Jus inskribierte. Drei Jahre später bekam er seinen ersten Job als Anwalt. Und den macht er bis heute als Spiel von Gewinnen, Verlieren und Vergleichen wie andere Anwälte eben auch. Fagan ist nur lauter. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, Printausgabe 9.8.2002)