Und an alledem ist von Hofmannsthal schuld": Der Satz fiel, im Blick auf die vielen Touristen in Salzburg, am sonnigen Salzachkai an einem freundlichen Augusttag in den Sechzigerjahren und war von Günter Eich. Gilt er noch immer, galt er damals? "An alledem"?"So lieb, diese Österreicher", erklärt Thomas Gottschalk, "ich überleg' mir schon, hierher auszuwandern." Hugo August Lorenz Hofmann, Edler von Hofmannsthal, wirkt schon im Vorschulalter, mit Gamaschen, Melone und Spazierstock, absolut nicht "lieb"; eine Spur ängstlich und ziemlich arrogant. In der Salesianergasse im schönsten Teil des dritten Bezirks, wo er zur Welt kam, wehen wieder die drei Fähnchen, es ist frisch gestrichen. Auch Salzburg glänzt, und "es majestätelt wieder", wie die Oberösterreichischen Nachrichten, neidlos oder nicht, feststellen. Unter dem Titel "Geheimnis der Contemporanität" steht in Werner Volkes unerträglich devoter Bildmonografie ein frühes Detail, aus einem Brief an Arthur Schnitzler, 1900: "Und so will ich denn auch Ihm gern sagen, dass ich die Gerty im Lauf des nächsten Frühjahrs heiraten werde." Gerty Schlesinger, Tochter des Generalsekretärs der anglo-österreichischen Bank. Dabei blieb es. Nicht weit von der Salesianergasse begegnete ich nach dem Krieg dieser Gerty, von der beim ersten Wiedersehen 1948 in London meine Schwester, die mit dem emigrierten Hofmannsthal-Sohn Raimund befreundet war, erzählt hatte. Sie war in Eile und von einem Mangel an Arroganz, den man, gerade in Wien, niemandem wünschen sollte. Kein Abglanz vom "Geistesleben der Nation als kontinuierlicher Prozess der Selbstbewusstwerdung" oder gar vom "eigentlichen Kunstgedanken des bayrisch-österreichischen Stammes" (Hofmannsthal an Josef Nadler). In Nadlers Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften findet sich Hofmannsthal "zu seiner unsäglichen Erquickung" bestätigt. Das fiele ihm in der heutigen Wiener Szene etwas schwerer: Was finge er mit den Viennabikes und ihrem Missbrauch an? Diese Räder, die jeder in Wien gratis verwenden, zerstören oder im Donaukanal versenken kann. Eine ursprünglich gute Idee, die hier, im Unterschied zu Amsterdam, schwer umgesetzt werden kann, weil man nicht daran dachte, dass Wiener geborene Vandalen sind. Viel später als meine Schwester, die neben dem Hofmannsthal-Schlössel in Rodaun zur Hauptschule ging, versuchte ich, nach einem hölzernen Roller mit zwölf, ein geborgtes Fahrrad: Es wurde gleich, zwischen den Museen zu Füßen von Maria Theresia, gestohlen. Aber das gestohlene fremde Fahrrad half weiter: Die es mir geborgt hatte, verlangte es nicht zurück. Ohne Fahrrad konnte man dennoch auch weiterhin über die Reichsbrücke an die Donau kommen, wo sie reißend, kalt, aber unkontrolliert war. Dort hielten sich im Krieg auch die "Schlurfs" auf, Jugendliche, die, selbst Außenseiter, zu uns "outlaws" hielten. Die Nacht danach war glücklich. Und selbst die längere Nacht danach ließ Wien an der Donau, an der es nicht liegt. Solche Träume wurden nicht demoliert und konnten einem nicht mehr genommen werden, anders als heute die armen Viennabikes. (DER STANDARD, 9.8.2002)