Die Meldung fegte wie ein Wirbelwind durch Teheran: Die respektable Tageszeitung Hamshahri berichtete von offiziellen Plänen zur Einrichtung von "Keuschheitshäusern". Die Zeitung war im Nu vergriffen, und Iran hat seither eine erregte Debatte über Prostitution. Hamshahri stellte mit einer einzigen Meldung alle politischen Ereignisse der vergangenen Tage in den Schatten - die Drohungen der USA gegen den Irak und sogar das Freitagsgebet, das an diesem Tag kein Geringerer als der frühere Präsident Hashemi Rafsandjani hielt. Die angebliche Einrichtung so genannter Khane Efaf, der "Keuschheitshäuser", brachte die Teheraner in Aufruhr. Innerhalb kürzester Zeit war die Freitagausgabe von Hamshahri ausverkauft, und so groß war die Nachfrage in der Elf-Millionen-Metropole, dass manche kluge Zeitungsverkäufer Kopien der Zeitung anfertigten und sie zu erhöhten Preisen tagelang in den belebten Straßen der Hauptstadt verkauften. Am Samstag danach, dem ersten Arbeitstag der Woche in Iran, berichteten fast alle Zeitungen über die Khane Efaf: "Keuschheitshaus" wird inzwischen in Iran als Unwort des Jahres gehandelt. Die Öffentlichkeit reagierte mit Entsetzen, und eine Welle von Leserbriefen bezeichnete die Pläne als Schande für Iran und einen ewigen Schandfleck in der Geschichte der islamischen Republik. Danach dementierten alle Behörden, je mit den Plänen etwas zu tun gehabt zu haben. Allenfalls diskutiert worden sei die Frage der "Keuschheitshäuser" und in Ermangelung einer Einigung ohne Ergebnis geblieben. Was angesichts der Recherchen der iranischen Presse sehr unglaubhaft erschien. Zeitehe im Bordell Demnach plante man sehr wohl die Eröffnung islamischer Freudenhäuser, um die Straßenprostitution zu bekämpfen und jungen Iranern - mehr als zwei Drittel der Iraner sind unter 25 Jahre alt - die Möglichkeit zu geben, ihren natürlichen sexuellen Bedürfnissen nachzugehen, ohne dabei nach orthodoxer islamischer Vorstellung Sünden zu begehen. Das setzt allerdings einige Umsicht voraus: In den Khane Efaf hätten Männer die Möglichkeit, sich mit Frauen zu verständigen und nach materieller Einigung bestimmte Hotels aufzusuchen. Die Länge des erlaubten Kontakts kann dabei je nach Vereinbarung und Bezahlung von einer Stunde bis zu einer Nacht reichen. Um der Religion Genüge zu tun, könne man diese vorübergehende Zusammenkunft als Zeitehe legalisieren und die so genannte Sagha, die religiöse Erlaubnis, von einem dafür bestimmten Mullah an Ort und Stelle erteilen lassen. Dabei würde diese Zeitehe nicht, wie sonst Vorschrift, im Personalausweis registriert. 100 Tage enthaltsam Auch über die Frauen, die in den "Keuschheitshäusern" beschäftigt wären, haben sich die Planer Gedanken gemacht. Sie werden vorher auf Unfruchtbarkeit untersucht. Dadurch entfiele die Vorschrift der Hundert-Tage-Enthaltsamkeit bei Frauen, die im Islam beim Verkehr mit verschiedenen Männern festgelegt ist. Mehrere Ayatollahs hätten dazu ihre Genehmigung gegeben. Mehr als 300.000 Prostituierte soll es derzeit in Iran geben, wie die Zeitung Etemaad berichtete. Jeden Monat verlassen mehr als 70 Mädchen ihre Elternhäuser und suchen in Teheran und anderen Großstädten ihr Auskommen, gab die Stadtverwaltung von Teheran bekannt. Viele Banden haben sich zudem auf die illegale Prostitution spezialisiert. Nach islamischer Rechtsprechung gilt Prostitution als Verbrechen. Die religiösen konservativen Kräfte, die den Verfassungsrat und die Justiz beherrschen, glauben nicht an die Frustration der iranischen Jugend und bezeichnen die veröffentlichten Daten über soziale Missstände als Propaganda des Auslands. "Die Idee der Khane Efaf zeigt deutlich, wie oberflächlich - trotz aller Warnungen der Reformer - die Konservativen in Iran an die Konflikte herangehen wollen", meinte die Zeitung Ajene vergangenen Dienstag. Zwei Tage später war die Zeitung verboten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10./11.8.2002)