Die Anleger reagieren zunehmend misstrauisch bis ablehnend, wenn sie Kursziele, Anlageempfehlungen oder Kommentare hören. Dabei galt die Meinung sogenannter Börsengurus wie beispielsweise und vor allem der amerikanischen Anlagestrategen wie Ralph Acampora, Abby Joseph Cohen, Thomas Galvin oder Richard Bernstein über Jahre hinweg als der Standard von Wallstreet. Ein großer Teil der Investoren setzte auf die Strategen und Strategien, wenn es darum ging, die Anlageentscheide zu fällen. Doch spätestens in den vergangenen Monaten, nachdem sowohl Wirtschaftsprüfer und Finanz-Analysten das Unheil in dieser Form von Bilanz(ver)fälschungen und Kursstürzen nicht vorherzusagen vermochten, sondern vielmehr auf Basis der vermeintlich attraktiven Zinslandschaft mit einem baldigen Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft und damit einhergehend der internationalen Aktienmärkte rechneten, haben die finanziell selbst gut gepolsterten Gurus empfindlich Federn lassen müssen. Diener zweier Herren?.... (Nicht nur) den Finanzstrategen wird vorgeworfen, eher das Wohl ihrer Arbeitgeber, der Investmentbanken, und nicht das Wohl der Anleger im Hinterkopf zu haben. Nun profitieren zwar Banken und Makler mehr oder minder im selben Ausmaß von einer Baisse im bezug auf das Handelsvolumen an der Börse, sprich es können genauso hohe Kommissionen für ein Verkaufsticket eingestreift werden wie im Falle einer Kauforder. Aber der übrige lukrative Rattenschwanz der Finanzindustrie, angefangen von Neuemissionen(IPOs) von Börsenkandidaten über Fusionen und Übernahmen (M & A) – wobei die Fortsetzung der Börsentalfahrt dieser Geschäftssparte dienlich sein wird – bis hin zu der Lancierung von Unternehmensanleihen leidet unter den fallenden Kursen in Form von ausbleibenden Volumina. Analysen mit dem abschließenden Urteil „Verkaufen“ oder auch „Halten“, die in eingeweihten Kreisen ohnehin mit einer Verkaufsempfehlung gleichgesetzt werden, sind weder grundsätzlich gern gesehen, noch tragen sie dazu bei, die internen Interessenkonflikte zu entschärfen. Denn wenn der Analyst X von der Bank Y die Aktie Z zum Verkauf empfiehlt, gleichzeitig derselben Bank X aber sämtliche Corporate Finance(Unternehmens Finanzierungs)-Aktivitäten unterstehen, so ist den Bank-Verantwortlichen unmittelbar nach der Veröffentlichung der Unternehmensstudie nur eines sicher: ein vorwurfsvoller Anruf vom Z-Management. Vornehme Zurückhaltung mit unverändertem Optimismus Die Talfahrt der Börsen hat in letzter Zeit dazu geführt, daß sich die Börsenpropheten zurückgehalten haben, wenn es darum ging, Stellung zu nehmen. Offen bleibt, ob sie das Licht der Öffentlichkeit aus eigenem Antrieb oder auf Weisung ihres Arbeitgebers gemieden haben. Mittlerweile ist die Börse aber unaufhaltsam auf dem Weg nach unten, und die Anleger fragen sich, wie lange der Kurssturz noch anhält. Umso lauter werden jene Stimmen, die nach Expertenmeinungen verlangten. Dementsprechend zaghaft, aber unverändert optimistisch (siehe Prognosetabelle), gaben zuletzt die Aktienpäpste und -rabbis ihre Zurückhaltung auf und traten vermehrt in der Presse oder im Fernsehen auf, um ihre Ansichten über das Schicksal der Börse kundzutun. Prognose bis Jahresende 2002

Bank/BrokerDow JonesS & P 500
A.G.Edwards9.6801.020
Bank America9.4001.000
Bear Stearnsk.Ak.A
CSFB11.4001.375
Deutsche Bank9.000950
Goldman Sachs11.3001.300
J.P.Morgank.Ak.A
Lehman Brothers10.2501.075
Merrill Lynchk.A.960
Morgan Stanleyk.A.1.200
Prudential11.5001.250
Salomon Smith Barney9.6501.000
UBS Warburgk.A1.065
Wachovia10.5001.150
Wenigstens unabhängig Auch wenn ihnen kaum nachzuweisen ist, dass die Börsengurus zuvor nicht unabhängig von den Interessen ihrer Arbeitgeber waren, ist es im Augenblick wahrscheinlicher denn je, daß die Aussagen auf ihren eigenen, unbeschönigten Recherchen basieren. Damit ist zwar noch lange nicht die größere Treffsicherheit der Prognosen gewährleistet, doch dient es gemeinsam mit anderen Maßnahmen als Voraussetzung für die Rückgewinnung des kostbarsten Guts am Aktienmarkt, dem Anlegervertrauen. Nachlese --> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle --> US-Zinsen, bitte steigen! --> Buy high, sell low......! --> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar? --> Quo Vadis Börse? --> Wieder Ordnung an der Fußballbörse --> Auf Resignation naht die Wende --> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes --> Hört die Deflations-Signale