Der Finanzminister, und mit ihm die Koalition, hat sich in eine überaus missliche Lage manövriert: Vor lauter Nullen im Kopf und auf der Zunge ging der Blick auf das Ganze verloren. Das Ganze, das ist nebst Staatsschulden und Budget auch der Zustand der Wirtschaft und des Sozialgefüges, aus dem der Staat seine Einnahmen schöpft.Während die Koalition ihr Nullsummenspiel mehr oder weniger erreichte, ist ihr unter ihrem Abgabenwürgegriff die wirtschaftliche Basis für die Fortsetzung des Kurses zerbröckelt. Mehr Menschen ohne Arbeit bedeutet höhere Aufwendungen und geringeres Steueraufkommen. Mehr ertragsschwache Unternehmen bedeutet geringere Abgaben und mehr Arbeitslose. Und so dreht sich das Ringelspiel munter fort. Die Regierung hat zwei Möglichkeiten: dagegenhalten oder anschieben. Mit der Erklärung der Null zur Staatssache entscheidet sie sich zum Anschieben. Nötig wäre es, dagegenzuhalten und die wahrscheinliche Konsequenz - ein Defizit im Budget - in Kauf zu nehmen, bis der Kreislauf durchbrochen ist. Ein solch undogmatischer Umgang mit der Null würde dennoch beinhalten, die Strukturen des Budgets laufend zu sanieren - etwa den Run auf Frühpensionsmodelle zu stoppen, um das Geld für vernünftigere Maßnahmen zu verwenden, wie den Aufbau einer Bahn, die dem 21. Jahrhundert entspricht, und vieles andere mehr. Aber dieser Vernunft hat sich die Regierung selbst beraubt. Das Paradoxe daran: Jetzt nachzugeben würde nicht nur bedeuten, eine Runde an die Opposition zu verlieren. Es würde auch der koalitionseigenen Opposition des einfachen Parteimitglieds Recht geben. Denn dieses ist bereits beim nächsten Kapitel aus Kreiskys Lehrbuch angelangt: besser mehr Schulden machen als durch Arbeitslose Wahlen verlieren.