Angela H. ist ein Cyberjunkie. Nach nur einem Monat in Chatrooms kann sie auf Kontakte dieser Art nicht mehr verzichten. Die allein erziehende Mutter arbeitet als Sekretärin und hat nach eigenen Angaben schon lange keine erfüllte Partnerschaft mehr gehabt. Der Einstieg geschah langsam und unspektakulär. Ein pauschalierter Internetanschluss, zuerst Neugierde, dann Verwirrung, zuletzt Faszination.Nach nur einem Monat ist es so weit. Angela kann sich ein Leben ohne Chatrooms nicht mehr vorstellen. Zwanghaft muss sie wissen, was gerade läuft. Die Vorstellung, etwas zu versäumen, macht sie nervös und fahrig. Keine Zeit für Haushalt und Kinder. Kaum kommt sie nach Hause, ist sie online. Immer muss sie die Diskussionen im Blick haben, die paar Momente, wo sie "afk" (away from keyboard) sein muss, sind ihr eine Qual. Ununterbrochene Präsenz während vieler Stunden vor dem Bildschirm sind zur zwingenden Notwendigkeit geworden. Die virtuellen Bekanntschaften werden immer mehr, sie wird begrüßt wie eine alte Bekannte, wird anerkannt und geschätzt. Die Ich-Stärkung wird immer vehementer. Wie eine Getriebene wartet sie Nacht für Nacht auf private Gespräche mit unbekannten Männern in diversen Flüsterräumen. Sie selbst gibt viel Intimes preis, schreibt sich um Kopf und Kragen, inwieweit das ihre fiktiven Partner auch tun, kann sie nicht beurteilen. Zuwendung, Zärtlichkeit, Liebe und Sex finden nur mehr auf diesem Weg statt. CTs (Chatter-Treffs) lehnt sie ab, ihr virtuelles Ich ist zu unterschiedlich vom realen. Die Nachtstunden vergehen schnell, lange nach Mitternacht geht sie mit roten Augen und schmerzendem Rücken zu Bett und kann nicht einschlafen. Das Kürzel "cu" (see you) wird so mächtig, dass sie auch im Büro zu chatten beginnt. Realitäten verschwimmen, die Arbeitsleistung vermindert sich. (mit, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.8.2002)