Auf irgendwelchen Almen kann man den Kanzler derzeit antreffen; oder auf Spielplätzen; oder bei der Hausmusik. Eine freundliche Umgebung, in der ein Regierungschef sympathischer wirkt als am Schreibtisch - durch Plakate und wohlinszenierte Auftritte vor Fernsehkameras werden diese Bilder in ganz Österreich verbreitet.Nur in der eigenen Anhängerschaft, in der Volkspartei, da hätte man vielleicht lieber ein bisschen mehr von jenem Wolfgang Schüssel, der ja nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die ÖVP zu führen hat. Wofür ihm allerdings nicht allzu viel Zeit bleibt. Die Funktionäre (und erst recht die potenziellen Wähler) der Volkspartei haben aber einen Anspruch darauf, dass der Mann an der Spitze sagt, wo es hingehen soll und welchen Weg er zu nehmen gedenkt. Sonst muss man sich auf die eigene Vorstellungskraft verlassen: Die ÖVP wird auch in Zukunft ein bisserl reformieren, vielleicht ein bisserl Steuern senken und vor allem ein bisserl (oder auch mehr) freiheitlichen Einfluss hinnehmen. Aber muss dieser Einfluss so weit gehen, dass die ÖVP die Vermarktung der politischen Erfolge ganz der FPÖ überlässt? Und, noch wichtiger: Wird es nicht langsam Zeit, jene Themen zu formulieren, um die es im Wahlkampf 2003 zu streiten lohnt? Hat die christlich-sozial orientierte Regierungspartei in dem einen oder anderen Bereich einen Ausbau des sozialen Schutzes vor - oder fällt ihr zum Präfix "Sozial-" nur "-abbau" ein? Was können sich Eltern über das Kindergeld hinaus erwarten? Gibt es (um Bereiche anzusprechen, die nicht sofort Steuergeld kosten) mehr unternehmerische Freiheit oder mehr Rechtssicherheit? Mehr Schutz für die Familie oder mehr Gleichstellung von Randgruppen? Offenere Grenzen - und wenn ja: für wen? Das sind Fragen, die die ÖVP beantworten müsste, wenn ihr Chef mal von den hübschen Plakaten heruntersteigt. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 13.8.2002)