Standard:Sie beginnen Ihre Biografie mit dem 11. September. Inwieweit hat dieser Tag Ihr Leben verändert? McEnroe: Es ist noch zu früh, darauf eine Antwort zu geben. Aber ich hoffe, dass mich dieses schreckliche Ereignis auf den richtigen Weg führt. Damit ich endlich den Durchblick bekomme. Ich habe das Buch so begonnen, damit ich nicht dauernd daran denken muss. Dabei hatte der 11. September wie ein normaler Tag begonnen. Ich machte meinen Kindern das Frühstück. S TANDARD : Wenn Sie das Buch ein Jahr früher geschrieben hätten, was wäre der Einstieg gewesen? McEnroe: Vielleicht mein erster Wimbledon-Sieg 1981. Sicher nicht, dass ich am 16. Februar 1959 in Wiesbaden geboren wurde. Das ist überhaupt nicht spannend. Man darf die Leute nicht mit Chronologien quälen. Denn das Leben ist ein Durcheinander. S TANDARD : Passt der Titel "serious" zu Ihrem Image vom schlimmen Bub? In den USA heißt es "You can't be serious". McEnroe: Es stimmen beide. Ich habe zu den Schiedsrichtern immer gesagt, das kann ja nicht ihr Ernst sein. Damit werde ich verbunden. Anderseits möchte ich ernst und seriös sein. Aber nicht zu seriös. S TANDARD : Mochten Sie Ihr Image, stimmte es mit der Wirklichkeit überein? Oder waren Sie ein Darsteller? McEnroe: Die besten Schauspieler sind die, die sich nicht verstellen. Die müssen gar nicht spielen, die Leute glauben nur, sie tun es. Mein Favorit ist Jack Nicholson. Der unterscheidet nicht zwischen Film und Leben. Ich habe mich selbst dargestellt. S TANDARD : Danach gefragt, wie Ihre Karriere möglich war, antworten Sie: I'm a New Yorker. Was unterscheidet einen New Yorker von anderen? McEnroe: In New York steckt eine Menge Energie. Es ist lauter, intensiver. Es ist wie ein großer Fluss. Es ist schwierig, an einer Stelle stehen zu bleiben. Die Energie treibt dich. Überall anders ist es ruhiger. Graz ist sicher nett, aber leise. Das gilt auch für London. S TANDARD: Sprechen wir übers Tennis. Weshalb spielen Sie noch? Wenn Sie den McEnroe von heute mit jenem vor 20 Jahren vergleichen, worin liegen die Unterschiede? McEnroe: Ich bin langsamer, verliere leichter die Konzentration. Aber ich kann noch nicht aufhören. Ich brauche den Wettkampf. Wenn ich ihn nicht hätte, wüsste ich nicht, wohin mit meiner Energie. Aber ich sehe mich nur mehr für zwei Jahre auf dem Platz. Ich muss mir überlegen, was ich mit meiner Energie tun werde. Ich bin ein Suchender. S TANDARD : Ist es ein Problem, auf dem Dach eines Einkaufszentrums in Graz zu spielen anstelle von Wimbledon? McEnroe: Das ist das Leben. Ich bin eben ein Senior. Ein Dach kann nicht Wimbledon sein. Aber es ist immer noch besser auf einem Dach, als gar nicht zu spielen. Ich bin immer noch nervös vorm Match. Du musst gewinnen wollen. Ich habe immer noch Lust, Schiedsrichter vom Stuhl zu reißen. Ich will Rackets zertrümmern. Ich tue es nicht, weil ich nur drei mit habe. S TANDARD : Sie wollen der George Foreman des Tennis werden, sagten Sie einmal. Ist das tatsächlich ein Ziel, kann das nicht lächerlich enden? McEnroe: Foreman wurde mit 45 Boxweltmeister. Er war eine negative Person, jetzt ist er ein wunderbarer Mensch. Das finde ich nicht lächerlich. S TANDARD : Sprechen Sie gerne über die Vergangenheit? McEnroe: Hin und wieder, ja. Aber ich schaue nie meine alten Videos an. Und wenn jemand sagt, ich war der beste Tennisspieler, schwanke ich zwischen Stolz und Verlegenheit. Es ist weit schwieriger, meinen sechs Kindern ein guter Vater zu sein. Die wahre Herausforderung ist, jeden Tag zu überstehen. S TANDARD : In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie seit mehr als zehn Jahren zur Therapie gehen. Ist auch das typisch für einen New Yorker? McEnroe: Vielleicht. Meine Eltern dachten, ich sei verrückt, als ich zur Therapie ging. Aber ich versuche, mit normalen Leuten in Kontakt zu kommen. Und ich glaube, dass ich durch die vielen Gespräche ein besserer Mensch geworden bin. Ich hatte sogar am 11. September eine Therapiestunde. Nicht deshalb, es war so ausgemacht. Ich bin hingegangen, der Psychologe meinte, warum nicht. Der Fernseher ist nebenbei gelaufen. S TANDARD : Als Sie an der Spitze waren, war Tennis top. Rockstars wollten Tennisstars sein, Sie selbst spielen Gitarre, waren und sind eine Kombination. Was will man mehr? McEnroe: Ich spiele die Gitarre schlecht. Ich lernte Rockstars kennen, weil ich gut im Tennis war. Beides ist Unterhaltung. Wenn es vorbei ist, sind viele Menschen glücklich. Und manchmal auch du. S TANDARD : Tennis hat derzeit ein Problem, ist langweilig geworden. Hat es auch damit zu tun, dass in den Neunzigern das Preisgeld explodiert ist. Hat Geld die Spieler verdorben? McEnroe: Ja, das gilt für den gesamten Sport. Mehr Geld scheint die Sache ernster zu machen. In Wahrheit geht die Freude verloren, die Spieler vergessen, woher sie kommen. Für mich war es damals der ideale Zeitpunkt. Weil Tennis gewachsen ist, wichtiger wurde. Der Erregungslevel war sehr hoch. Jetzt herrscht ein Tief. Sie müssen die Regeln ändern. Wenn einer heute "Fuck" sagt, wird er bestraft. Also macht er es nur einmal. Regeln nehmen die Emotionen. Außerdem gibt es zu viele Turniere. S TANDARD : Mögen Sie Lleyton Hewitt, die aktuelle Nummer eins? McEnroe: Ich mag, wie er fightet. Persönlich kenne ich ihn nicht, abseits des Platzes dürfte er nicht sehr interessant sein. Trotzdem brauchen wir mehr Typen wie ihn. S TANDARD : Damentennis ist fast populärer als jenes der Herren. Finden Sie die Geschichte der Williams-Schwestern aufregend, oder nützt sie sich dank der wöchentlichen Wiederholungen ab? McEnroe: Die Story ist gut. Aber wenn es immer nur ein Match zwischen Venus und Serena ist, kann es schief gehen. Es ist ohnedies schon seltsam, wenn du dich mit einer Verwandten vergleichen musst. Die Dichte ist zu klein. S TANDARD : Wo sehen Sie das Tennis in zehn Jahren? Und wo sehen Sie sich selbst? McEnroe: Ich weiß beides nicht. Tennis muss aufregender werden. Für mich hoffe ich, dass ich etwas entdecke. Vielleicht eine Tennisakademie oder etwas Seriöses. S TANDARD : Sie spielten immer Aufschlag-Volley, versuchten also, eine rasche Entscheidung zu treffen. Ist das symbolisch für Ihr Leben? McEnroe: Im Moment ja. Aber ich muss endlich lernen, geduldiger zu werden. Ich muss mich mehr auf mein zweites Service verlassen. S TANDARD : Käme die nicht existente Fee, was würden Sie sich wünschen? McEnroe: Dass meine Familie gesund bleibt. Und dass ich die Trennung vom Tennis schaffe. Das ist ein Problem, aber es ist ein gutes. Ich kann wählen. Woraus, weiß ich nicht. Sicher ist, dass ich in New York sterben möchte. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 16.8.2002, Christian Hackl)