Schlagzeilen: Die Donauinsel versinkt in den Wasserfluten; Hochwasserhilfe statt Abfangjäger; Jahrhundertflut. Zitate: "Wenn ich vom Computer aufschaue, rinnt es über das schräge Mansardenfenster" (Kronen Zeitung, 14. 8. 2002). Und erst auf der nächsten Seite: "Jetzt versinkt Prag im Wasser." Im ORF war viel und mit sehr viel Sentiment von "Menschen" und "Mitmenschlichkeit" die Rede, wie zu Weihnachten.Überraschend, denn eigentlich spricht man in Wien nur von "Personen" (Ansage in der Straßenbahn: ". . . sowie Personen mit Kleinkindern die Sitzplätze zu überlassen"), nicht von Menschen. Personen sind lästig, rangeln sich von Instanz zu Instanz und verwandeln sich für Ämter erst in Menschen, wenn sie "si hoamdrahn", endlich wegbleiben. Aber so viel "Mensch" in den Medien ist, wie schon bei der Kaprun-Katastrophe, auch verdächtig: Wie abstrakt und kalt mit diesem scheinbar warmen Begriff umgegangen wird, hat Aleksandar Tisma in seiner Schilderung von staatlicher Gewalt in Der Gebrauch des Menschen gezeigt. Für Politiker hat dieser Begriff sehr oft etwas ganz Vages, unter dem sie sich kaum je etwas Konkretes vorstellen. Oder nur kurz, bei einem Kurzauftritt in Regenhaut in Steyr oder Krems, immer vor Kameras. Dichter sehen "Menschen" komplizierter: "Jetzt komme ich, ich bin noch lange nicht gestorben, mich ergreift kein Schwindel. Ich gehe über die Dachfirste, ich trage einen Burberry, glänzt herrlich im Mond": Das sagt H. C. Artmann, ebenfalls ein konkreter Mensch, nicht ein für Schlagzeilen zurechtgestutzter: "Die ihr denkt, das Leben sei vollkommen geschneidert, ein bestes Werk eines ordentlichen Schneiders: Wer näht ein in die vollkommen sitzende Haut die Schafsköpfe, die ihm glauben?" - Menschen mit Schafsköpfen, Menschen mit dem Kopf unter dem Arm, Menschen in der unkontrollierten Flutwelle: So viele verschiedene Erscheinungsformen gibt es, so kompliziert ist der Begriff. Da ist es weniger riskant, das Thema zu wechseln und von unglaubwürdigen Figuren zu berichten, zum Beispiel im Lipizzanermuseum. Der Gebrauch des Lipizzaners und seines Namens wird leicht begriffen, ein Lipizzaner ist trainiert in dem, was er soll, und wird täglich perfekter. Der Mensch schaut zu, wenn er Glück hat, und bleibt zurück, auf dem Trockenen, tröstet sich bei "Jahrhundertfluten" mit "Abflussgerinne" und durchforstet die "Gefahrenzonenpläne". "Grüß Gott, haben Sie schon eine Karte?", wird jeder Ankommende in einem Lokal an der Copa Cagrana befragt, es gibt kein kostenloses Begutachten der Katastrophe. Wie macht man also aus einer "Person" einen Menschen, einen, der nicht nur gebrauchsfähig zugeritten wird wie Lipizzaner? Wie wird aus einem Hereindränger in die U-Bahn oder einem Katastrophenzuschauer einer, der unter Umständen die eigene Person außer Acht lässt? Was bedeutet der Begriff "Mensch" eigentlich, was bedeutet er mir? "Mensch" ist für mich kein Gaffer, der zuschaut und doch nicht hinschaut, der sich verabschiedet und trocken heimkommt, ehe die Flut zurückgeht oder weiter steigt. Wer sich für andere nass macht: Das wäre einer, der von einer "Person" zum "Menschen" springt. Ilse Aichinger - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 16.8.2002