Frankfurt - Die Folgen des 11. September 2001 nisten wie lähmendes Gift im komplizierten Organismus der Weltwirtschaft. Der Einsturz des World Trade Center markierte auch für die Ökonomie eine Zeitenwende. Die Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges ist ebenso verschwunden wie der Glaube an fortwährendes krisenfreies Wachstum. Der Ost-West-Konflikt wurde zwar endgültig begraben, aber der Nord-Süd-Konflikt ist nun jedermann bewusst. Der Angriff von El Kaida in New York und Washington auf das Zentrum des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems hat die Verwundbarkeit der hoch technisierten Zivilisation offen gelegt. Extrem waren daher die politischen und psychologischen Schockwellen, die von "Ground Zero" ausgingen. Dagegen blieben die direkten wirtschaftlichen Folgen begrenzt. Das schwere Erdbeben im japanischen Kobe 1995 mit fast 6.500 Toten und etwa 200.000 zerstörten Häusern hatte ungleich höheren unmittelbaren Schaden angerichtet. Luftfahrtindustrie sieht wieder Horizont Der sofort betroffene Wirtschaftszweig - die internationale Luftfahrtindustrie - sieht wieder Horizont. Zumindest in Europa und im Raum Asien/Pazifik hat sich das Passagieraufkommen normalisiert. In den USA sind die Spuren am Himmel dagegen noch sichtbar. Auch die Touristikbranche hat weltweit mehr mit den Folgen der Konjunkturflaute als mit der Angst vor Terroranschlägen zu kämpfen. Grundsätzlich verändert hat sich dagegen der Komplex Versicherungen. Sowohl für die Assekuranz als auch für die Kunden hat sich schlagartig eine neue Kalkulationsgrundlage für Anschlagrisiken ergeben. "Für sensible chemische Anlagen sind die Prämien bis zu 100 Prozent gestiegen", klagt der Vorstand eines der größten deutschen Chemiekonzerne. Dagegen profitiert die Sicherheitsbranche - vom einfachen Wachdienst bis zur elektronischen Personalerkennung - von dem Ereignis in New York. Gravierendste Folgen erst auf den zweiten Blick Die gravierendsten Folgen des 11. September zeigen sich aber erst auf den zweiten Blick. Die amerikanische Notenbank Fed - und abgeschwächt die Europäische Zentralbank (EZB) - zeigten mit massiven Leitzinssenkungen Flagge an den internationalen Kapitalmärkten. Gleichzeitig hat die Regierung in Washington das haushaltspolitische Ruder herumgerissen. Mehr als 100 Mrd. Dollar (101,5 Mrd. Euro) wurden in die Wirtschaft gepumpt, um konjunkturelle Einbrüche zu verhindern. Auf Grund der sprunghaft gestiegenen Rüstungsausgaben ist zudem die lange Phase von Steuersenkungen und Haushaltsüberschüssen vorbei. "Beide Reaktionen - Leitzinssenkungen und öffentliche Schuldenpolitik - haben den Spielraum für weiteres politisches Handeln erheblich eingeschränkt", urteilt Prof. Michael Hüther von der Frankfurter Deka Bank. Die Ökonomen der Deutschen Bank veranschlagen das US-Haushaltsdefizit für 2002 auf mehr als 200 Mrd. Dollar - mit steigender Tendenz für 2003. Hinzu kommt für die USA ein Riesenloch in der Leistungsbilanz mit dem Ausland von jährlich 400 bis 500 Mrd. Dollar. Terroranschläge hat Wirtschaftskrise verstärkt Der weltweite Schock der Terroranschläge hat die jüngste Wirtschaftskrise aber nicht ausgelöst - sondern nur verstärkt. Sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Kurse an den Aktienbörsen tendierten bereits seit mehr als einem Jahr nach unten. "Der 11. September hat den Zusammenfall der Blase an den Finanzmärkten nur beschleunigt", urteilt der Chefvolkswirt der Allianz-Dresdner-Gruppe, Klaus Friedrich. Doch der massive zusätzliche Kursausschlag nach unten war nach wenigen Monaten wieder ausgeglichen. Konjunkturhoffnungen und positive Prognosen gewannen im Frühjahr wieder die Oberhand. Aber der nächste Anschlag war für die "Börsen-Zeitung" schon im Gange: "Was Bin Laden mit seinem globalen Terrornetzwerk nicht geschafft hat - ein paar ausgerasteten, größenwahnsinnig gewordenen Chief Executives und Finanzchefs amerikanischer Konzerne könnte es 'gelingen': Sie scheinen den Selbstzerstörungsmechanismus des kapitalistischen Wirtschaftssystems in Gang gesetzt zu haben." Die Serie von Bilanzfälschungen löste vor allem in den USA eine extreme Vertrauenskrise aus. Abwärtsspirale kam erneut in Gang Die Abwärtsspirale kam erneut in Gang: Fallende Börsen belasten die Konjunktur, jede negative Konjunkturnachricht drückt wiederum die Kurse. Weltweit wird deshalb auf das Verhalten der amerikanischen Verbraucher gestarrt, deren Wohlstand weit mehr vom Auf und Ab der Börsen abhängt als bei den Konsumenten hier zu Lande. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA macht immerhin mehr als 20 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung in der Welt aus. Der private Konsum bestimmt wiederum zu zwei Dritteln das US-BIP. Ein Aussetzen der Konjunkturlokomotive USA würde die gesamte Weltwirtschaft bremsen. Ausgerechnet in dieser Situation sind die entscheidenden Stellhebel der Wirtschaft blockiert. Im krisengeschüttelten Japan ist der Leitzins schon bei null angekommen. Die US-Notenbank ist mit ihrer Zinssenkung auf 1,75 Prozent vielleicht schon zu weit gegangen. Ein weiterer Zinsschritt nach unten birgt die Gefahr einer Deflationsfalle wie in Japan - die Zinsen sind am Boden, Preise fallen, die Verbraucher konsumieren dennoch nicht. Die EZB starrt bei einer Geldentwertung von rund 2 Prozent auf sämtliche Inflationsrisiken - und hält still. Das Pulver Leitzinssenkung und höhere Staatsausgaben ist verschossen. In Europa zwingt zudem der Stabilitätspakt die Euro-Länder, den staatlichen Konsum zu drosseln. Vor dieser labilen Kulisse diesseits und jenseits des Atlantiks wird deshalb mit äußerster Nervosität auf den 11. September 2002 geblickt. Das Schreckgespenst Terror schürt die Furcht vor weiteren Anschlägen, die die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession stürzen könnten.(APA/dpa)