In dieser Woche haben sich in Washington neue, überaus gewichtige Stimmen in den immer heftiger hin- und herwogenden Chor zum Thema "Angriff auf den Irak" gemengt. Wenn Exaußenminister Henry Kissinger und Brent Scowcroft, Exsicherheitsberater des älteren Bush, zur Bedachtsamkeit mahnen, dann darf man wetten, dass sie nicht von Sentimentalität gegenüber Saddam getrieben werden. Sie machen vielmehr massive sachliche Bedenken geltend, dass die Pläne der Bush-Regierung unausgegoren seien und - so Scowcroft - den Irak im Extremfall gar zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen anstacheln könnten, anstatt ihn daran zu hindern. Mit mangelndem Patriotismus, Zögerlichkeit oder fehlgeleitetem Zartgefühl hat das alles, wie gesagt, nichts zu tun. Das Regime in Bagdad ist eine Sicherheitsbedrohung von unkalkulierbarem Ausmaß, eine ständige latente Bedrohung für Israel, ein tatsächlicher oder potenzieller Sponsor von Terroraktivitäten aller Art. Aber wenn die Amerikaner das löbliche Ziel vor Augen haben, mit Saddam ein für alle Mal abzufahren, sollten sie das möglichst professionell tun. Dazu würde eine stichhaltige Erörterung gehören, warum ein Angriff gerade jetzt notwendig ist - und dazu müsste im Vorfeld eine möglichst breite Allianz geschmiedet werden, die die zu erwartenden Spannungen über Kriegsverlauf und Kriegsziele zuverlässig abfedern kann. Wenn es der Bush-Regierung freilich nicht einmal gelingt, die eigenen Parteifreunde auf die Reihe zu bringen, wie sollte sie dann die eigene Nation, geschweige denn ihre europäischen und arabischen Verbündeten hinter sich versammeln können? Beim derzeitigen Stand der Dinge drohte ein Angriff auf den Irak in eine Abfolge höchst bedrohlicher politischer Entzweiungen zu münden. Wenn Bush begreiflich machen möchte, dass er ein solches politisches Katastrophenszenario abwenden kann, dann liegt noch ein großes Stück Arbeit vor ihm. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.8.2002)