Er hat den landläufigen Tod erlebt und seinen ohnehin großen Horizont noch zu erweitern versucht. Er hat den stillen Ozean durchschwommen, ist am Abgrund gestanden und hat Licht in die Geschichte der Dunkelheit gebracht. Er hat eine Winterreise unternommen, eine ins tiefe Österreich, ist in das Innere von Wien hinabgestiegen. Bei all dem folgte Gerhard Roth einem strengen Plan, der ihn zuletzt auf einen Berg in Griechenland führte. Und jetzt sogar nach Ägypten, an die Gestade des Nils. Thomas Mach heißt Roths jüngster Held, der sich im Auftrag seines Onkels - er leitet in Wien das Reisebüro "Das Auge Gottes" - nach Kairo begibt, um an die Stelle der Reiseleiterin Eva Blum zu treten. Die hat sich kurz zuvor und scheinbar ohne Grund aus dem Fenster ihres Hotelzimmers gestürzt. Bereits kurz nach seiner Ankunft wird Mach von der ihm fremden Atmosphäre gefangen genommen, kommen ihm erste Zweifel: War es wirklich Selbstmord, war es ein Unfall, war es Mord? Er findet Evas Studientagebuch, ein Notizbuch mit allerlei Erklärungen und Beschreibungen zu touristischen Zielen, vergrößerten Ausschnitten von Landkarten und Stadtplänen, Skizzen, Fotografien sowie handgeschriebene Notizen, Namen und Telefonnummern. Mach beschließt, sich auf die Spuren Evas zu begeben - um so mehr übers Land und vielleicht auch über ihr Schicksal zu erfahren. Mit der Figur Mach schreibt Roth seine Psychopathologie des Alltags fort. Mach ist ein weiterer der vielen gebrochenen Charaktere im Kosmos des Autors, zeichnet sich durch eine subjektive und verstörende Art des Denkens aus, das von keiner äußeren Wirklichkeit gedeckt wird, und lässt sich von einem Wissen steuern, "dessen Herkunft er nicht kannte und das er niemandem verriet, denn es stärkte ihn, wenn er danach handelte". Ein Wissen, das ihm von einer inneren Stimme zugeflüstert wird und der er uneingeschränkt gehorcht - obwohl sie ihn mehr als einmal zu scheinbar unverständlichen Handlungen veranlasst und in Schwierigkeiten bringt: So lässt er sich die Haare rot färben - was zur Folge hat, dass die Menschen ihn für einen Dschinn, einen Dämon, halten. Er provoziert Streitereien, ignoriert gut gemeinte Ratschläge und treibt ziellos durch Kairo und Ägypten. Bald wird ihm alles zum Hinweis, zur Spur: Selbst abstrakte Ornamente oder "die unsymmetrischen Muster", die herumschwirrende Fliegen bilden, scheinen Mach noch etwas mitteilen zu wollen. Natürlich nutzt Roth dieses ziellose Treiben, um penibel die schönen, aber vor allem die hässlichen Seiten Ägyptens zu protokollieren - die beeindruckenden Pyramiden ebenso wie schmutzstarrende Hinterhöfe in verslumten Vororten oder die entwürdigende Arbeit der so genannten "Zabbalin", der Müllmenschen. Wohl auch, um dem Genre des Reiseromans gerecht zu werden. Diese wissensgesättigten und protokollartigen Passagen lesen sich mitunter zwar etwas mühsam, spiegeln aber die schläfrige Trägheit wider, die über dem von Roth beschriebenen Ägypten liegt. Auch sind Roths Helden einmal mehr in undurchsichtige Machenschaften und Verbrechen verstrickt. Natürlich auch hier: Als plötzlich Evas Exmann Oskar Blum und ein Expolizist bei Blum auftauchen, wird auch Mach in einen undurchsichtigen Strudel von Vermutungen, unausgesprochenen Verdächtigungen und Ahnungen hineingezogen. Geübte Roth-Leser werden zudem einige Figuren wiedererkennen. Der Expolizist nennt sich Schäffer und war in Roths Roman Der See auf der Jagd nach dem vermeintlichen Attentäter Paul Eck. Inzwischen ist Schäffer aus dem Staatsdienst entlassen und verdingt sich als freier Ermittler. Auch Paul Eck hat es nach Ägypten verschlagen - er wohnt krank, von schweren Malariaschüben geschwächt, auf einem Hausboot auf dem Nil. Von Konrad Feldt, dem Beamten der Nationalbibliothek in Wien (aus Der Plan) ist die Rede, auch vom Untersuchungsrichter Sonnenberg. Evas Tod bleibt bis zuletzt ungeklärt, eine mögliche Ursache ist schwerer Liebeskummer: Ein Dr. Jenner aus Wien wollte nichts mehr von ihr wissen - auch er ein alter Bekannter aus Roths früheren Büchern. Eher unerwartet wirkt dagegen ein anderer Cameo-Auftritt: "Der Fremde mit dem weißen Bart", eifrig schreibend, ist wohl niemand anderer als der Autor selbst. Ein fiebriges Fluidum liegt über dem Buch, eine seltsame Indifferenz, die sich auf den Leser überträgt und ihn manchmal benommen zurücklässt. Was durchaus gewollt sein mag, weil auch der Hauptfigur einige Zeit die Fähigkeit abhanden kommt, zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Krimi-Elemente werden angedeutet, von Antiquitäten-Schmuggel ist kurz die Rede, von dunklen Geheimnissen - doch vieles bleibt im Ungefähren, wird nicht weiter ausgeführt. Mit Der Strom, dem vierten Band seines Romanzyklus' Orkus, hat Gerhard Roth ein lesenswertes, seltsam bedrängendes und verstörendes Buch geschrieben, mit vielen großartigen Passagen, aber auch mit einigen - noch? -deplatziert wirkenden Elementen. Vielleicht ist es vermessen, von einem Autor wie Gerhard Roth immer ein Meisterwerk zu erwarten - vor allem angesichts seiner vergangenen Großtaten. Welchen Rang Der Strom dereinst tatsächlich einnehmen wird, wird endgültig wohl erst zu beurteilen sein, wenn der Zyklus zur Gänze vorliegt. (Von Günther Fischer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2002)