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Mag sein, dass Giorgio Manganelli Recht hat: "Im Sterben ist viel Diskretion, im Leben viel Pathos." Das Motto des Bandes reizt dennoch zum Widerspruch, denn hier ist wenig Diskretion. Zum einen, weil das Telefon bekanntlich eine indiskrete Maschine ist. Zum andern, weil Ernst Jandl in diesen Gesprächen von Krankheit, Verfall und lauter privaten Nöten spricht – und die Art, wie er das tut, ihn als Kranken preisgibt. Und zum dritten natürlich, weil sein Lektor Klaus Siblewski all das mitgeschrieben hat; auch wenn der Dichter, wie es heißt, das wusste und billigte, keine unproblematische Methode, bietet sie doch dem Nachlassverwerter die Möglichkeit, den Menschen Jandl nach dem eigenen Bilde zu formen und außerdem Selbstdarstellung und -legitimierung nicht zu kurz kommen zu lassen: "Es sei doch vereinbart, daß er dichte, und ich sorgte für den Rest." Wer könnte einem, der mit solchem Pouvoir ausgestattet ist, postum in die Quere kommen?

Selbst bei redlichster Absicht gerät jeder Versuch der Konservierung zur Stilisierung – hier auch formal, weil Siblewski den Dichter im Konjunktiv der indirekten Rede zu Wort kommen lässt und so Jandls Aus der Fremde, sagen wir, Tribut zollt, sich also eines Stilmittels des Toten bedient, um dessen Stimme zum Leben zu erwecken. (Ob hier wohl mit weiteren Eckermanniaden zu rechnen ist? Einstweilen nur so viel: Auch ich habe mit Ernst Jandl telefoniert.)

Andererseits ist die Aufgabe, bis auf einige Jandl bundesdeutsch verfremdende Schnitzer, sprachlich gut gelöst. Des Dichters Eigenart und Eigensinn, sein Witz, sein Ingrimm, seine auch im Reden gewitternde poetische Gewalt sind hier tatsächlich zu vernehmen: "Früher habe er mit Sprache experimentiert, jetzt seien Schlafmittel und Wein an der Reihe." Oder: "Ob ich schon einmal etwas von kopulierendem Papier gehört hätte? Nein? Bei ihm auf dem Tisch fände genau das ununterbrochen statt, das Papier kopuliere und vermehre sich, ohne daß er noch einen Einfluß darauf nehmen könnte."

Dass diese Telephongespräche Einblick in so viel Intimes gewähren, nicht zuletzt in Jandls bis hin zum klinischen Zustandsbild schwankende manisch-depressive Gemütslage und seinen dadurch beschwerten Dichter-Alltag, das ließe sich mit einem Verweis auf seine ähnlich freimütig bilanzierende Lyrik der letzten Jahre rechtfertigen: "Manchmal glaube er, er habe überhaupt nur autobiographische Gedichte geschrieben." In diesem Buch erleben wir Ernst Jandl einmal übersprudelnd von Einfällen und Buchideen, eindringlich, fordernd und apodiktisch-wankelmütig, lustig ("Singt: 'Donau so blau'") und unternehmungslustig, dann wieder ernüchtert, einsam, unbarmherzig illusionslos und demonstrativ desinteressiert an der eigenen Dichtung. Von neuen Gedichten, die der Lektor diplomatisch einfordert, will Jandl, herzkrank und kaum noch fähig zu gehen, nichts wissen, erst einige Tage vor seinem Tod im Juni 2000 spricht er wieder ernsthaft davon.

Auch als Depressiver ist Jandl eigenwillig: Hat er zuerst auf einer gemeinsamen Aufnahme von seiner und Friederike Mayröckers Lesung bestanden, verwahrt er sich später heftig und grundsätzlich gegen Doppelauftritte. Jandl war sichtlich kein einfacher Patient, er hat auch seinen Lektor auf Trab gehalten. Im Kampf gegen die Vergesslichkeit und das Chaos erscheint Siblewski als Ordnungsgarant: So soll er für ihn die Absage einer Lesung widerrufen – am Tag des Auftritts, wie sich herausstellt.

Diese Gespräche haben auch deshalb ihre Meriten, weil Jandl selbst jede Biografie verweigert hat: "Mit einem Satz sei eigentlich alles gesagt: Er saß am Schreibtisch und dachte nach." Hier erfährt man dennoch Handfestes, zum Beispiel anlässlich der (falsch datierten) Wahlen 1999, dass Jandl erstmals mit Grün statt Rot liebäugelte. Neben viel Banalem und manch Tragischem findet sich en passant auch Jandls künstlerisches Movens: Er habe "in der Literatur etwas Ebenbürtiges neben Schönberg und Webern zu setzen versucht". Erst knapp vor seinem Tod vermischt sich das existenzielle wieder mit dem ästhetischen Interesse: "Wie das Sterben geschehe, ob sich daraus ein Gedicht machen lasse?" (Von Daniela Strigl/DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2002)