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Mario Adorf als Hagen von Tronje und Maria Schrader in der Rolle der Kriemhild bei den Nibelungenfestspielen in Worms

Foto: APA/dpa/Michael Hanschke
Worms - Es hat einer Kraftanstrengung bedurft, die Nibelungen aus dem blutgeschwängerten Mythendunst herunterzuholen, in den sie vor gut einem halben Jahrhundert, pünktlich zur großdeutschen Götterdämmerung, aufgefahren schienen. Erst wurde uns in alten Mären von ihren Wundern viel erzählt. Dann schneiderte der Dramatiker Hebbel aus dem Blutstoff einen prächtigen Tragödienmantel. Wagner zerlegte kurzerhand das Material und machte aus den Niederrheinländern Gibichungen. Nun hat der Jungdramatiker Moritz Rinke (35), als Favorit des amtierenden deutschen Bundeskanzlers eine Art hoch begabtes Milchziehkind der Berliner Republik, eine hochdramatische Regenpelerine gebastelt: Zeig mir die Helden, aber mach uns nicht nass. Schütte das unvermeidlich rinnende Blut aus, aber lass uns dabei doch auch herzlich mitlachen!

In einer kulturnationalen Kraftanstrengung wurden daher die Wormser Nibelungen-Festspiele als Freilufttheater neu und unbelastet eingerichtet. Vor den spitzbogigen Glasfenstern des Wormser Doms streckt eine bunte Mischung aus TV-Routiniers (Mario Adorf, Maria Schrader) und meistermanieristischen Theaterschauspielern (Wolfgang Pregler, Josef Ostendorf) Rinkes fein abgeschmecktes Nibelungenextrakt auf bekömmliche Länge.

Inszeniert hat der Kiez-erprobte Meistererzähler Dieter Wedel. In 3sat lief am Samstag dafür die Generalprobe, die pünktlich in der Pause mit Thomas Gottschalk prunkte: So viel TV-Kultur war nie! Die isländisch blonde Moderatorin Esther Schweins ließ sich sicherheitshalber noch einmal erklären, wie man von Xanten nach Worms übersetzt und trotzdem deutsch bleibt. Die kleineren Wunder waren jedoch im Übertragungsdetail versteckt. Das völlig theateruntaugliche Zungenrühren Mario Adorfs wurde mit Close-ups wettgemacht: Der grimmige Hagen verströmte dann den milden Charme eines hanseatischen Großbaudezernenten, komplett mit Klubzigarre und Moselwein im Zinnbecher. Ein paar abgestufte Leistungen wird man, sozusagen nibelungentreu, verbuchen dürfen: etwa Maria Schraders Kriemhild, ein milde entgeistertes, zu Mord und Blutrache angestacheltes Wohlstandskind. Das Projekt soll bereits Schulden von 700.000 Euro aufgehäuft haben: ein kleiner Nibelungenschatz. Am 29. September ist im ZDF eine "adaptierte" Fassung zu sehen: Wedels Director's Cut. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2002)