Nicht nur die Firmenmanager, auch Emissionshäuser, Analysten, Ratingagenturen, Wirtschaftsprüfer, Finanzjournalisten mussten sich viel berechtigte Kritik gefallen lassen - manche sogar Verfolgung durch die Staatsanwälte.Die Ursachen dieser Entwicklung liegen meist viele Jahre zurück. Galt etwa bis Mitte der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts zumindest in den USA die strikte Trennung zwischen Research und Verkauf, so wurde sie in der Folge beständig aufgeweicht. Mit dem Ende der fixen Börsenspesen waren es nicht mehr die Salesmen in den Broker-Verkaufsbüros, die den Gewinn ins Haus brachten, sondern immer mehr die Emissionsabteilungen, die mit ihren Deals den Erfolg bestimmten. Ihnen mussten die Analysten zuarbeiten, in Form von möglichst positiven Berichten. Was das bei der Welle von Neuemissionen bewirkte, lässt sich leicht ausmalen. Pushen ohne Grenzen In den USA sind der ehemalige Merrill-Lynch-Analyst Henry Blodget und seine Morgan-Stanley-Kollegin Mary Meeker, die Ende der 90er-Jahre Internetaktien hochjubelten, Synonyme für solche Taktiken. Kritische Berichte waren verpönt. Sie hätten dem Emissionsgeschäft geschadet. Doch man braucht nicht bis Amerika schauen. In Europa war ähnliches Pushen zu beobachten. In Österreich sind die euphorischen Prognosen für Libro, YLine (für die etwa Lehmann Brothers im Juni 2000 ein Kursziel von 400 angaben), Cybertron, Admiral, BetandWin, noch in schlechter Erinnerung. Die Analysten der Emissionsbanken haben sich da keineswegs mit Ruhm bekleckert. Libro standen noch im März 2001 auf der Kaufliste der CA IB, die allerdings im September zuvor in einem Report die gleiche Aktie mit eher skeptischen Untertönen und mit Hold eingestuft hatte. Die Erste Bank hatte YLine im August 2000 auf der Kaufliste, bei der CA IB war die Aktie sogar noch im Oktober 2000 bei Kurs 154 ein "Strong Buy". Die Analysten der Volksbanken, die Admiral bei der Emission begleiteten, waren ebenfalls weit optimistischer als die Börse. Aber man muss die in Österreich übliche Bewertungsskala beachten, in der klare Verkaufsempfehlungen nicht zum Analystenrepertoire gehören. Zurückhaltung "Halten" oder "Untergewichten" sind das Maximum, das man den Unternehmen, meist auch Firmenkunden, zumutet. Auch Ratingagenturen haben Erklärungsbedarf, warum sie ihre Einschätzungen, Basis vieler Anlageentscheidungen (laut einer US-Untersuchung sehen sich nur sieben Prozent der Aktienkäufer zuvor die Bilanzen genauer an) in immer kürzeren Abständen revidieren müssen. Dazu kommen immer mehr dubiose Informationsquellen im Internet. Nicht nur in den USA existieren etliche "newsletters", die gegen bare Münze Aktien hochjubeln. Ein Beispiel von vielen: Die obskure Medizin-technikfirma Diomed wurde im Frühjahr mit dem Argument einer neuen Operationstechnik von 45 Cent auf neun Dollar hochgejubelt. Der Börsenbrief erhielt dafür 100.000 Dollar und 250.000 Aktienoptionen zu 3,50 Dollar. Inzwischen ist der Kurs stetig verfallen, zuletzt auf 90 Cent. Kuriose Begründung des historisch bewanderten Tipp-Dienst-Schreibers: Der "Thomas-Morus-Effekt". Das Diomed-Management müsse über positive News schweigen wie weiland der Kanzler Heinrichs VIII., weil eine Emission bevorstünde und US-Gesetze daher jede Publizität verbieten. Das lässt die Aktie bluten. (Nikolaus Dolenz, Der Standard, Printausgabe, 19.08.2002)