Vergessen Sie Hightech. Vergessen Sie gefinkelte Methoden. Vergessen Sie alles - und schleppen Sie. Manchmal ist es tatsächlich so, dass die einfachsten Mittel auch die effizientesten sind - und weil in dramatischen Zeiten der Bedarf an simplen Symbolen und griffigen Metaphern sprungartig ansteigt, ist es kein Wunder, dass gerade der Sandsack zum Symbol des Kampfes gegen die Wassermassen geworden ist, die sich über Österreich, Deutschland und Tschechien ergossen haben und ergießen. Auch wenn das Wasser vielerorts gewonnen hat - der Sandsack ist die letzte Bastion der Zivilisation gegen die Urgewalt. Der Sandsack ist das wallgewordene Manifest des Sich-nicht-geschlagen-Gebens. Und der Sandsack ist auch Symbol eines neu erlebten Gemeinschaftsgefühls in den Katastrophengebieten: Alleine, erzählt er dieser Tage, während er befüllt, weitergereicht, aufgetürmt, in Position gebracht und festgeklopft wird, alleine ist man gar nichts. Nur hässlich und klein, geradezu lächerlich nutzlos. Aber Masse, ja, die zeigt Wirkung - und das, erzählt der Sandsack den seinem - dem letzten - Schutz Anvertrauten, gilt nicht nur für den einfachen braunen Jutesack, sondern auch für die, die ihn weiterreichen und zu immer neuen Wällen, Dämmen und Deichen auftürmen: eine sackgewordene Metapher des Menschen als "zoon politicon", als Wesen, das nur in der Gemeinschaft überleben kann - und eine auch stilistisch eindeutige Absage an jede Form von Individualismus und Egotrip. 20 Kilo, erklärt das Technische Hilfswerk (THW) auf seiner Deichverteidigungs-Homepage (www.thw-deich.de), habe der deutsche Normsandsack im Trockenzustand zu wiegen. Sein Packmaß beträgt (gefüllt) einheitlich 25 mal 50 mal 8 Zentimeter - und beim Befüllen sei darauf zu achten, dass der Sack nur zu zwei Dritteln voll wird. Schließlich soll er ja nicht nur Wasser abhalten, sondern selbiges auch aufnehmen (bis zu zehn Liter). Und außerdem schmiegt sich der geworfene Sack so Bodenunebenheiten an, kann nicht wegrollen und ist leicht - wobei die "Blume" (die Öffnung) vom Wasser wegzuweisen hat - zu einem kompakten, tonnenschweren und hoffentlich dem Element Einhalt gebietenden Deich zu stapeln. Der Sandsack ist eine durch und durch archaische Metapher. Er steht für den Kampf. Egal ob um ein MG-Nest, im Boxverein oder eben auf der Deichkrone: Wo der Sandsack auftaucht, haben Zivilisation, Feinsinn und Kultur meist schon lange verloren - der Sack steht für banales, stumpfes Effizienzdenken und den Versuch, sich und die seinen zu schützen, um zu überleben: Er ist eine Waffe - vermutlich die einzige, mit der man niemanden angreifen kann. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2002)