Alle reden von einem kommenden Lagerwahlkampf: Rot-Grün gegen Schwarz-Blau. Wenn's sich nicht ausgeht, steht die Rückkehr zu Rot-Schwarz im Raum. Nur eine Variante wird nicht einmal angedacht: Schwarz-Grün. Warum eigentlich nicht? Als Alexander Van der Bellen im ORF-Sommergespräch zu Koalitionsmöglichkeiten befragt wurde, meinte er, wenn die Grünen eines Tages mit der SPÖ verhandeln sollten, dann nur aus einer Position der Stärke. Wurmfortsatz der SP wollten sie keinesfalls sein. Das ist plausibel. Aber am stärksten ist man bei solchen Verhandlungen bekanntlich dann, wenn man nicht nur eine Koalitionsmöglichkeit hat. Sicher, nummerisch ist eine solche Option momentan nicht gerade realistisch. Und für viele Grüne grenzt derzeit der bloße Gedanke an eine Koalition mit der ÖVP fast schon an Hochverrat. Trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken. Was müsste sich ändern, wenn nach der nächsten Wahl in Österreich nicht nur ein Macht-, sondern auch ein Politikwechsel Platz greifen soll? Die Verhaiderung stoppen, fällige Reformen vorantreiben, Frauen, Migranten, sozial Benachteiligten unter die Arme greifen? Wer könnte mit wem in diesen Fragen am meisten ausrichten? Die Wahrheit ist, dass keine der beiden großen Parteien ungeteiltes Vertrauen verdient. Und wahr ist auch, dass beide die Grünen brauchen, wenn man die FPÖ (oder wenigstens Haider und die seinen) in der nächsten Regierung loswerden will. Natürlich sind die Sozialdemokraten nach wie vor die logischen Hoffnungsträger für eine Wende nach der Wende. Sie haben eine demokratisch saubere Vergangenheit, sie sind nach wie vor die Garanten für ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit, sie haben in Wien im Gegensatz zum Bund eine recht gute Ausländerpolitik eingeführt. Aber sie sind, vor allem in den Ländern, durchaus nicht gegen Haiderismen gefeit, und sie glänzen seit Jahren durch einen eklatanten Mangel an Ideen und Persönlichkeiten. Die ÖVP hat dagegen gleich zwei demokratiepolitische Sündenfälle zu verantworten: den Ständestaat und die schwarz-blaue Koalition. Immer noch umweht sie, vor allem in Wien, der Mief der reaktionären Greißlerpartei. Aber sie sind immer noch die Europapartei, sie haben einen Kanzler, der wenigstens nicht nach der Pfeife der Krone tanzt, und sie haben immer noch eine Reihe von Leuten mit solider, im guten Sinn christlich-demokratischer Substanz, die die FPÖ lieber heute als morgen gegen die Grünen eintauschen würden. Ja, es gibt zwei Lager in Österreich. Aber es ist nicht unbedingt das "bürgerliche" Lager, das gegen das Lager der "arbeitenden Menschen" steht, die Trennungslinie verläuft vielmehr zwischen Demokraten und Populisten bzw. zwischen Reformern und Antireformern - und dabei manchmal auch quer durch die Parteien. Nach dem Sterben der Liberalen sind die Grünen die Einzigen, die zwischen den Großen stehen, das Salz in der Suppe der Demokratie und Zuflucht auch für nicht wenige Wähler, die sich für Biogemüse, Radwege und Anti-AKW-Proteste nur begrenzt interessieren. Bei der nächsten Wahl dürften sie zum ersten Mal mehr sein als eine Quantité négligeable. Da wäre es nicht schlecht, wenn sie das Image des "linken Flügels der SPÖ" (copyright Werner Mück) abwürfen. Differenzierung und Fantasie sind angesagt. Über Schwarz-Grün sollte zumindest nachgedacht werden dürfen.