Die Salzburger Festspiele lockten mit einem wahren Gipfeltreffen der Pianisten: Während sich Alfred Brendel nicht auf der Höhe seiner Möglichkeiten zeigte, beeindruckte die stupende Virtuosität von Arcadi Volodos. Und Maurizio Pollini glänzte.Salzburg - Wer immer den Spuren der großen, der nachrückenden oder auch nur zufällig anerkannten Pianisten folgt, der wird sich im Konzertsaal und vor den heimischen Lautsprechern dabei ertappen, das je zu Hörende in einem Spannungsfeld von Erwartung und Bestätigung zu sondieren.

Allzu schön ist es ja, vom Interpreten eine Rückmeldung zu bekommen, man habe sich in seinen individuellen Recherchen nicht getäuscht: Wenn etwa Alfred Brendel Beethovens Diabelli-Variationen so kichernd, so ätzend und so matadorenmuskulös als Persiflage, als musikdestilliertes Marionettentheater wie auf seiner Philips-CD zu gestalten, ja auf dem Festspielhauspodium zu kopieren versteht, dann scheint die Welt des Gebens und Nehmens in Ordnung zu sein.

Hohe Erwartungen

Zum Glück - aber auch zum echten Leidwesen des Klavierliebenden - geschieht Musik und deren Vermittlung unter dem labilen Reglement des stimmungs- und situationsbedingten Konzertlebens nur selten im Sinne der Gleichung Erwartung=Eingetroffenes.

Brendel schien an diesem Abend nicht nur in seiner Konzentration beeinträchtigt, er schien sich mehr als üblich den Göttinnen der Grazie, der tänzerischen Akzentsetzung, eines im Zeitmaß drängenden, in Wahrheit übereilten Moderatos und Andantes hinzugeben. Haydns melancholische g-Moll-Sonate (Hob. XVI:44) entfaltete sich unter diesen Vorzeichen im Kopfsatz als Dokument eines verkrampften Lächelns, während die von Mozart geforderte Espressivität im langsamen Satz der a-Moll-Sonate (KV 310) eher an den schönen - gleichwohl atemlos phrasierten - Nebensächlichkeiten als am düsteren, trügerisch-redseligen Grundzug des Satzes orientiert wirkte.

Ruhe und stille Passion allenfalls in den ariosen Inselchen der d-Moll-Fantasie (KV 397), deren schnelllebige, fast die ganze Klaviatur vereinnahmende Überleitungen eine Hektik, fast schon Lieblosigkeit verrieten, die man bei Brendel eher in der Rubrik des Unerwarteten führt.

Natürlich brachten Beethovens Diabelli-Verhöhnungen und -Verklärungen unter der Regie eines im besten Sinne nervösen Musikers eine Fülle von Erkenntnissen gleichsam neben dem breiten Strom des schon Gewussten. Doch wollten sich die fixen, turbulent polyphonen Etappen bei dieser Gelegenheit nicht recht lichten und lüften.

Sehr dicht, zuweilen bedrängt in der manuellen Geschmeidigkeit abgehandelt, so erreichten diese Episoden das gespitzte Ohr nur in einer Variante des erregten Ungefährs. Der immense Jubel konnte in der Mehrheit nur dem verehrten Künstler Brendel gegolten haben, natürlich auch seinem nimmermüden Kampf mit den Elementen dieses literarischen Monstrums, denn diese 33 Veränderungen entziehen sich in all ihren kunstmoralischen Bezüglichkeiten dem freizeitlichen Zugriff nicht weniger als die Klavierstücke Stockhausens oder die Sonaten von Pierre Boulez.

Feierstunden des Eingetroffenen waren am Abend zuvor im Mozarteum mit dem russischen Wirbelwind-Phlegmatiker Arcadi Volodos zu genießen. Er bemüht sich nach Kräften, seinen geradezu irrwitzig flinken Fingern auch undankbare, selbst abseitige Themen einzuprägen (Schuberts E-Dur-Sonate D 157!). Hier und in den Bedeutungsschluchten der Schumannschen Kreisleriana macht er gute, geziemende Musik, hütet sich, das Innerliche als Äußerliches zu diskriminieren.

Sein wahres Gesicht und Können indes zeigt Volodos, wenn er Stimmen imitieren (Schubert/Liszt), wenn er Schwierigstes als Leichtes ausgeben darf - um es nach eigenem Ermessen noch zu verkomplizieren (so am Ende Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 13 mit atemberaubenden Binnen-, Außen- und Extraumspielungen). Nicht selten erlebte man es ja in der Klaviergeschichte, dass rundliche, fleischliche Pianisten am schlanksten, am geschliffensten und am schnellsten über die Tasten glitten. Volodos reiht sich in diese Reihe der Hofmanns, Godowskys und Cherkasskys ein.

Verfeinerte Linien

Und dann am späten Sonntagvormittag Maurizio Pollini im wiederum ausverkauften Haus - zur Gottesdienstzeit. Er begann sehr vorsichtig mit zwei Chopin-Nocturnes (op. 32), sortierte Akkorde und buchstabierte die melodische Edelsprache. Im Verlauf der vier Balladen gelang es diesem mit starkem Händedruck und zunächst noch mit reichlich Pedal agierenden Hochverehrten, auch feinere Lebenslinien herauszuschälen - ein Vermögen, das sich nach der Pause, als Debussys Préludes zur Diskussion standen, zum absoluten Heil eines jeden Stückes auszahlte.

Selten war Pollini in den letzten Jahren so umsichtig, ja gelöst zu erleben - und dabei auch brillant und zuverlässig wie in früheren Tagen. Zugaben für ein schier berauschtes Publikum, darunter Chopins c-Moll-Etüde op. 10,12 und durchaus noch aktuell, dabei besonders zart und folgerichtig ausgeleuchtet: das Regentropfen-Prélude. Zum rasanten Ende Liszts f-Moll-Etüde (Nr. 10), nun allerdings bei allzu hohem Wasserstand.

Eine interessante Pollini-Repertoirepremiere, aber es reicht für solche Stücke nicht, sich schwitzend in die Noten zu wühlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2002)