Frankfurt - Aktienkurse sollten nach Ansicht des deutschen Bundesbankpräsidenten Ernst Welteke keine bestimmende Größe der Geldpolitik sein. Angesichts der derzeitigen Entwicklung an den Finanzmärkten werde wieder verstärkt gefordert, die Zentralbank solle neben dem allgemeinen Preisniveau auch die Entwicklung der Vermögenspreise an den Aktienmärkten stabilisieren. "Ich halte die Erweiterung der geldpolitischen Zielsetzung nicht für sinnvoll. Es könnten Zielkonflikte entstehen zwischen Preisstabilität und den Erfordernissen des Finanzmarktes", sagte Welteke am Montagabend auf einer Veranstaltung der Dresdner Bank in Frankfurt. In Zeiten niedriger Inflation könne es zu Übertreibungen an den Aktienmärkten kommen. Würde die Zentralbank darauf mit Zinsänderungen reagieren, könne es einen Konflikt mit dem obersten Ziel geben, das allgemeine Preisniveau stabil zu halten. Kein Wissensvorsprung Der anhaltende Kursverfall an den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen hatte den Ruf nach Zinssenkungen in den USA und auch in der Euro-Zone lauter werden lassen. In den vergangenen Tagen haben sich die Aktienmärkte aber stabilisiert. Die Europäische Zentralbank (EZB), in deren Rat Welteke über die Zinspolitik mitentscheidet, verfolgt als oberstes Ziel ein stabiles Niveau der Verbraucherpreise mit weniger als zwei Prozent Jahresinflation. Die Teuerungsrate wird im Jahresschnitt 2002 voraussichtlich nahe bei dieser Grenze liegen. Die Lage an den Aktienmärkten ist nur einer von vielen Faktoren, deren Auswirkung auf Konjunktur und Preisstabilität die EZB bei ihrer Geldpolitik berücksichtigt. Manche Volkswirte halten es für geboten, der Aktienkursentwicklung bei der Zinspolitik mehr Gewicht zu verleihen. Welteke hielt dem in seiner Rede zur Verabschiedung von Dresdner-Bank-Chefvolkswirt Klaus Friedrich entgegen, bei der Bestimmung eines angemessenen Aktienkursniveaus verfüge die Zentralbank über keinerlei Wissensvorsprung im Vergleich zu den Finanzmärkten. (APA/Reuters)