Laura Grünberg arbeitet am Europäischen Zentrum für höhere Bildung der UNESCO, CEEPUS , mit Sitz in Bukarest. Sie betreut vordergründig Projekte zu den Themen akademische Mobilität sowie deren Anerkennung, Reformen des Bildungswesens und Qualitäts-Kontrollen. Die Mathematikerin und Soziologin gilt außerdem als Gender-Expertin und betreut diesen Aspekt in allen CEEPUS-Projekten. Ihr letztes Projekt "Erfolgreiche Wege zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit in der höheren Bildung in Ost- und Zentraleuropa" versuchte politische Institutionen und Nichtregierungsorganisationen der ehemaligen kommunistischen Länder Europas zu diesem Thema zu befragen und tatsächliche Zahlen zu erheben. Die Mitbegründerin von AnA, der Gesellschaft für feministische Analysen in Rumänien, stand im die Standard.at-Interview Frage und Antwort zur Lage der Frauenbewegung in Rumänien.
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dieStandard.at Können Sie die Entwicklungen innerhalb der rumänischen Frauenbewegung auch anhand von AnA festmachen? Grünberg Natürlich haben auch wir die gleichen Entwicklungen durchgemacht, wie so gut wie alle anderen feministischen Organisationen auch. 1991/92 haben wir als mehr oder minder informelle Gruppe von Frauen begonnen, die sich für Feminismus interessierten. Wir begannen feministische Bücher zu lesen und uns in diesem Gebiet schlau zu machen. Seit 1993 sind wir eine Institution mit Statuten und allem, 1997 haben wir dann ein eigenes Büro mit Bibliothek bekommen. Das war ein ziemlicher Identitätswandel, mit guten und schlechten Seiten. Da geht natürlich etwas verloren, etwas Kreativität und Frische. Nach fast 10 Jahren Erfahrung sind wir mittlerweile kritisch gegenüber der Institutionalisierung der Zivilgesellschaft. dieStandard.at Ihr konntet Euch aber mit sehr wichtigen Institutionen etablieren … Grünberg Ja, wir haben ein Multimedia-Dokumentationszentrum, eine Bibliothek, machen Schulungen für NGOs, haben einen eigenen Verlag und publizieren das einzige feministische Magazin Rumäniens. Wir sind in den zehn Jahren auch akademischer geworden. Es war nicht einfach, sich in dieser komplizierten wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation eine starke Identität zu bewahren. Deshalb auch dieser Schwenk. 1993/94 wurde dieses Gebiet noch überhaupt nicht abgedeckt. Wir haben versucht Expertinnen im Bereich des Gender-Diskurses zu werden, Expertisen zu erstellen und diese auch in einer kompetenten Art und Weise zu vermitteln. dieStandard.at Der "Markt" hat sich da aber in den letzten Jahren ziemlich verändert … Grünberg Mittlerweile gibt es sogar innerhalb der Fakultäten spezielle Gender Studies-Gruppen. Wir versuchen mit diesen Gruppen zusammen zu arbeiten und sozusagen als Brücke zwischen den akademischen und den aktivistischen Feministinnen zu fungieren. Die Expertisen des akademischen Umfelds zu bekommen, um sie den Mitgliedern der NGOs zu vermitteln. Wir stehen so mit einem Bein in der akademischen Welt, mit dem anderen auf der Straße. dieStandard.at Wie ist das Klima zwischen diesen beiden Gruppen? Grünberg Ich würde sagen schwierig. Meiner Meinung nach gilt für Rumänien das, was auch für die ganze Region gilt: der akademische Feminismus ist fortschrittlicher als der aktivistische. Wir sind definitiv viel weiter als die Aktivistinnen, und das ist eigentlich schade. Wir haben in Bukarest, Cluj, Timisoara, in den größeren Städten Rumäniens also, starke Gender Studies an den Universitäten. Und wir haben sogar ein eigenes Studium in Bukarest, das jedes Jahr zwischen 10 und 15 Studenten abschließen. Wenn man bedenkt, wie schwierig es im Westen war, diese Richtung auf den Universitäten zu verankern, ist das wirklich interessant. Ebenso gibt es mittlerweile viele Bücher und Untersuchungen zu Gender-Themen in Rumänien. Einer der größten und bekanntesten Verlage, Polyrom, hat eine eigene Reihe dazu, die von der bekanntesten rumänischen Feministin koordiniert wird, nämlich von Mihaela Miroiu . All diese rumänischen Bücher, in unserer Sprache sozusagen, waren sehr wichtig. Wir mussten die rumänische Sprache "gendern", da wir in den ersten Jahren vor allem englische, französische und deutsche Bücher gelesen haben. Es war gar nicht so einfach eine eigene Richtung zu entwickeln und ihr dabei eine Identität zu geben. Solch ein Feld braucht auf alle Fälle eine eigene Sprache, eine Fachsprache. dieStandard.at Hatte das auch Einfluss auf die aktivistischen Gruppen? Grünberg Der ursprüngliche "Spirit of Feminism" ist verloren gegangen und es gibt eine Spaltung zwischen den Gruppen, wobei die eine Seite die Expertisen ablehnt. Leider fehlt hier auch ein gemeinsamer Dialog. Trotzdem muss man sagen, dass der akademische Feminismus irgendwie die Verbindung zu den "Grassroots-Realitäten" verloren hat. Es ist nicht der Sinn der Gender Studies, Gender Studies für sich selbst zu betreiben. Diese müssen in einem aktivistischen Feld eingebunden werden. dieStandard.at Hat die Frauenbewegung in Rumänien ihrer Meinung nach trotzdem viel erreicht? Grünberg Die Dinge verändern sich durchaus zu Gunsten der Frauen, zumindest in einigen Bereichen. Wir haben ein Gleichbehandlungsgesetz, das einige Paragraphen zu sexueller Belästigung beinhaltet. Natürlich bin ich auch kritisch gegenüber der heutigen Situation des fehlenden Dialogs, ich bin ja Teil der Bewegung. Trotzdem haben wir viel erreicht. dieStandard.at Wie sehen Sie die Zukunft? Grünberg Mittlerweile führen wir in unserer Datenbank über 60 Frauenorganisationen, was wirklich viel ist. Aber die wirtschaftliche Situation hat sich verändert. Und ich fürchte, dass einige von uns in ein paar Jahren verschwunden sein werden. Das ist die Marktwirtschaft, die wir uns alle so gewünscht haben. Aber wir haben auch keine Unterstützung von innen, lokale Autoritäten und der Staat unternehmen gar nichts, um die Zivilgesellschaft zu fördern. Und auch die internationalen Spenden werden immer weniger. Dabei würden wir sie so dringend brauchen. Das Interview führte Elke Murlasits.