Wien/London - "Es muss kein disziplinarrechtliches Vorgehen folgen", erklärt Georg Winckler, Rektor und oberste Disziplinarinstanz der Uni Wien, die Causa Kasper für "abgeschlossen". Wie berichtet, konnte der Wiener Uni-Psychiater Siegfried Kasper nicht erklären, auf welchem Weg ein wissenschaftlicher Artikel dem Kollegen David Healy in London zur Autorenschaft nahe gebracht worden war. Dieser lehnte den Ghostwriter-Text über das Antidepressivum Milnacipran ab. Im Kongressband trug der Artikel Kaspers Namen. Ghostwriter-Tätigkeit ist ein "schwer wiegender Verdacht wissenschaftlichen Fehlverhaltens", räumt Winckler gegenüber dem STANDARD ein. Kaspers Sachverhaltsdarstellung, dass ein Scientific Writer den Aufsatz nach sprachlicher Überarbeitung irrtümlich an Healy statt an Kasper übermittelt habe, sei plausibel: "Sie lässt die Vorwürfe in neuem Licht erscheinen." "Tatbestandsvoraussetzungen" laut Beamtendienstrecht seien jedenfalls nicht erfüllt, bestätigte auch die Rechtsabteilung der Uni. Dass mit "Pierre Fabre Médicaments" eine PR-Firma mit Verbindungen zu Pharmafirmen bei der fraglichen Publikation involviert gewesen sei, "schien mir eher eine Art Verschwörungstheorie zu sein", sagt Winckler. Dekan Schütz in Schutz Ein Gegenangriff Kaspers, der "Rechtsanwälte einbezogen" habe, wurde abgeschmettert. Der Psychiater war gegen Medizin-Dekan Wolfgang Schütz wegen dessen Zitaten im STANDARD zu Felde gezogen. Fazit des Rektors: Schütz hat die Amtsverschwiegenheit nicht dadurch gebrochen, dass er STANDARD-Anfragen zur Affaire beantwortet hat. Der Fall Kasper kommt also nicht vor die Kommission des Ministeriums. Außer, räumt Rektor Winckler ein, es gäbe neue, nicht berücksichtigte Fakten. DER STANDARD kann welche vorlegen, die die offensichtliche Version Kaspers - er war für den STANDARD bis Redaktionsschluss telefonisch nicht erreichbar - in einem wesentlichen Punkt infrage stellen. Demnach soll es zu einer schlichten Verwechslung von zwei Manuskripten seitens eines Scientific Writers gekommen sein, der Kasper sprachlich zur Hand ging. Dieser Zeitung liegt die Korrespondenz vor, die der Publikation des fraglichen Artikels voranging. Daraus geht hervor, dass Psychiater David Healy in London nicht einmal und verwechslungshalber, sondern mehrfach und eindringlich um die Autorenschaft des Ghostwriter-Textes gebeten wurde. So schrieb ein Mike Briley, bei "Pierre Fabre" mit der Koordination der Publikation betraut, an Healy: "Unsere Ghostwriter haben einen ersten Entwurf auf Basis deiner Arbeit geschrieben. Wir würden uns freuen, wenn du ihn durchgehen könntest." Gut zwei Monate später wieder Briley an Healy: "Hattest du Gelegenheit, einen Blick auf den Manuskript-Entwurf zu werfen? Verzeih, dass ich so dränge, aber . . ." Healy schickt daraufhin einen ganz anderen Text. Darauf Briley: "Ich fände es schade, deinen guten Text zu ändern. Andererseits müssen wir ein, zwei Punkte rüberbringen, die du nicht herausarbeitest. Wir bringen daher deinen Text, wie er ist, aber auch das andere Manuskript. Siegfried Kasper hat dafür freundlicherweise die Autorenschaft übernommen." "Kommerziell wichtig" Beim Kongress möge aber doch Healy darüber referieren, ersucht Briley, "um die kommerziell wichtigen Punkte rüberzubringen". Gegenüber dem STANDARD sagt Healy, dass er schon wegen der vielen Bezüge auf seine, Healys, bisherige Publikationen "nicht glauben kann, dass Kasper irgendwas davon geschrieben hat". (Roland Schönbauer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 8. 2002)