"Ja, ja, ich wohn' genau hier. Auf der Zwölfer-Stiegen", gibt die 18-jährige Nicol gern Auskunft. Ein Kind von Traurigkeit ist sie jedenfalls nicht - auch wenn sie genau bei der Spinnerin am Kreuz wohnt. Quasi Aug' in Aug'.Ja, einen Freund hat sie. Aber ob sie auch auf ihn warten würde? "Einen Monat. Vielleicht zwei", überlegt sie mit ihrer Freundin. Und Yvonne (19) gibt auch zu bedenken: "Na ja, wennst aber sehr verliebt bist?" - "Wenn ich sehr verliebt bin", wägt Nicol ab: "Ein halbes Jahr." Da war die originale Spinnerin am Kreuz schon anders gestrickt. Und als Anrainerin kennt Nicol natürlich die Geschichte genau: Da war ein junger Mann mit dem Babenberger Herzog Leopold II. zum Kreuzzug aufgebrochen. Und dessen junge Frau hatte ihn auf der jetzigen Triester Straße bis zum hölzernen Kreuz auf der Anhöhe begleitet. Dort saß sie nun Tag für Tag und gelobte, wenn der Gatte aus dem Gelobten Land wiederkehren sollte, dann würde sie anstelle des alten ein neues Kreuz aus Stein errichten lassen. Das nötige Geld verdiente sie vor Ort mit Spinnen. Und dann, nach langer, langer Zeit - da kam er wieder, der Mann. Happyend. Die gotische Bildsäule, die jetzt auf dem Wienerberg steht, wurde übrigens 1451/ 52 vom Dombaumeister Hans Puchsbaum im Auftrag der Stadt Wien geschaffen. Was das Handarbeiten betrifft, so näht Nicol lieber. "Im Winter, wenn mir fad ist." Mit dem Stricken hat sie's weniger, mit dem Spinnen überhaupt nicht. Und dann überlegen die Freundinnen noch einmal, was das lange Warten auf den Liebsten betrifft. Und schmunzeln: "Na ja, genau genommen: Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Oder?" (Roman Freihsl/DER StANDARD Print-Ausgabe, 21.8.2002)