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Wolfram Siebeck

Foto:APA/Rolf Haid
Da gehen Leute in ein besseres Beisl oder wo immer das Wort Esskultur fein gerahmt im Eingang hängt. Sie setzen sich zu Tisch und bestellen ein Menü. Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Und schon bald kommen (wenn sie Glück haben) adrette Mädels und bringen Dinge an den Tisch, die nicht zu dem bestellten Menü gehören können. Denn die Vorspeise - mit der ein Menü ja beginnt - war als "Sommersalat mit Ziegenkäse, frischen Champignons und Krebsschwänzen" bezeichnet. Doch was ihnen jetzt vorgesetzt wird, ist weder Salat noch Krebsschwanz. Es ist ein Tässchen voll beiger Flüssigkeit. Bevor unser Gast das große Rätselraten beginnt, flüstert ihm die adrette Person ins Ohr "Essenz von der Wachtel mit Curryrahm". Und setzt hinzu "Ein Gruß aus der Küche". Habe die Ehre, ja wer ist denn da in der Küche, dass er mich grüßen lässt? Der Sohn vom Chef vielleicht, der hier einen Ferienjob hat? Oder der Sparkassendirektor höchstpersönlich, der es auch daheim nicht an Freundlichkeit fehlen lässt? "Lasse ebenfalls recht grüßen", stammelt unser Gast erfreut, aber das hat das nette Fräulein schon nicht mehr gehört. Die Suppe (Essenz von der Wachtel etc.) schmeckt nicht schlecht, war nur etwas wenig. Suppen werden zu Hause im tiefen Teller serviert, erinnert sich unser Feinschmecker, und nicht in der Mokkatasse. Da wird diese auch schon abgeräumt. Unser Gast wischt sich zufrieden den Mund an der Serviette ab. Was er nicht bestellt hat, muss er auch nicht bezahlen, das weiß er natürlich. Also denkt er nicht länger über die Currycreme nach, trinkt nur einen Schluck vom Wein, da er durstig geworden ist. Bevor ihm jemand nachgießen kann, werden vor ihm schon wieder unverlangte Sächelchen abgeladen. Kleine Kostproben eher denn ein Vorgericht, diesmal aber ohne Gruß. Was ist los in der Küche? Hat man schon vergessen, dass er da ist? Es handelt sich um ein daumennagelgroßes, flaches Stück Leberwurst, die hier Foie gras genannt wird, um ein ebenso großes Stück Räucherlachs mit einem Dillzweig und um einen Mini-Liebesknochen mit salziger Füllung undefinierbaren Ursprungs. Daneben liegt, wie beim Ernte-Dank-Fest, ein Maiskolben. Er ist allerdings so klein wie ein Kinderfinger. Er hat ihn noch nicht angebissen, da werden bereits Butter und Brot auf den Tisch gestellt. Viele kleine Brote, runde, längliche, mit Sesam und mit Mohn bestreut, mit eingebackenen Oliven, Speck oder Zwiebeln, und alle hausgemacht, wie der flotte Herr Ober versichert. Langsam füllt sich der Magen unseres Gastes. Auf die Vorspeise ist er nun nicht mehr so gespannt, und als sie ihm gebracht wird (der "Sommersalat" ist eiskalt, die Krebsschwänze sind mehlig), ist ihm klar, dass sein Gönner in der Küche diese bereits verlassen hat. Auch er wartet jetzt ungeduldig auf den Moment, da er das Lokal verlassen kann. Aber noch steht ihm ein Hauptgericht und das Dessert bevor. Heimlich lockert er den Hosengurt. (derStandard/rondo/23/8/02)