Frankfurt/Main - Die Pubertät ist glücklich überstanden und die Midlife-Crisis noch in weiter Ferne: Eigentlich bieten die "goldenen zwanziger Jahre" die besten Voraussetzungen für ein glückliches, entspanntes Leben. Doch immer häufiger beobachten ExpertInnen, dass aus den Problemen mit dem Erwachsenwerden noch vor dem 25. Geburtstag eine handfeste Lebenskrise entsteht. Der Fachbegriff "Quarterlife Crisis" steht nach Angaben der Mannheimer Psychologin Christiane Papastefanou für die Sinnkrise, wenn die Ausbildungsphase zu Ende geht und sich junge Leute vor die Entscheidung gestellt sehen, ihr Leben selbstständig weiter zu gestalten. "Es geht um das altbekannte Problem des Erwachsenwerdens", sagt Papastefanou. Schwierige und längere Phase als in der Vergangenheit Spätestens nach der Ausbildung beginne schließlich der so genannte Ernst des Lebens: Die jungen Leute müssten einen Job finden - am besten gleich den richtigen und angesichts steigender Arbeitslosenzahlen vor allem einen sicheren. Dazu komme die Überlegung, ob und wann man eine eigene Familie gründen soll und will. Und schließlich bleibe die Frage, wie es überhaupt im Leben und mit der Zukunft weitergehe. Diese Phase dauere heute deutlich länger und sei schwieriger als noch vor einigen Jahren. In den USA ist das Phänomen der "Krise nach dem ersten Viertel des Lebens" bereits weitaus populärer als in Deutschland. Alexandra Robbins und Abby Willmer, 26 und 27 Jahre alt, schrieben mit dem Titel "Quarterlife Crisis" im vergangenen Jahr einen regelrechten Bestseller über das Thema. Sie berichteten von dem Druck, neben Arbeit und Geldverdienen Familie, Freunde und Beziehung unter einen Hut zu bekommen. Konkrete Lösungen bietet das Buch keine an, aber die LeserInnen waren schon froh, sichtlich nicht die einzigen zu sein, die von dieser plötzlichen Orientierungslosigkeit betroffen sind. In so jungen Jahren wie den Twenties hat man offiziell schließlich alles andere als eine Lebenskrise. Das Problem der "twentysomethings" sei sogar in Talkshows wie der von Oprah Winfrey aufgegriffen worden, heißt es auf der Internetseite http://www.quaterlifecrisis.com - die Diskussionsgruppen und der Chatroom auf der Seite der beiden Autorinnen haben nach eigenen Angaben regen Zulauf. Workshops und Seminare für krisengeschüttelte Mitt-Zwanziger sind der Homepage zufolge für verschiedene US-Städte in Planung. Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit im Steigen Als psychologisches Phänomen sei die Krise in den Zwanzigern auch in Deutschland schon seit etwa zehn Jahren bekannt, sagt Papastefanou. In ihre Praxis kämen immer mehr junge Leute, die unter Zukunftsangst und Perspektivlosigkeit zu leiden hätten. Dabei ist diese Krise nach Ansicht der Psychologin kein individuelles Problem der Betroffenen, sondern liegt zu einem guten Teil an gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Veränderte Wertvorstellungen, die Tendenz zu allgemeiner Orientierungslosigkeit und vor allem schlechte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt machten es jungen Menschen nicht leicht, ihr eigenes Leben anzupacken, betont die Expertin. Gleichzeitig gebe es heute weitaus mehr Möglichkeiten, das berufliche und private Leben zu gestalten als noch vor etwa 15 Jahren. Sich bei dieser Fülle für das gesamte spätere Leben richtig entscheiden zu müssen, setze viele unter enormen Druck. Junge Frauen machen sich Papastefanou zufolge nach Abschluss ihrer Ausbildung besonders Gedanken, wie sie Beruf und Familie miteinander vereinbaren können. Bei den Männern sei ihr aufgefallen, dass viele sich eine partnerschaftliche Bindung gut überlegten, weil sie finanziellen Ruin nach einer Scheidung fürchteten. Eine generelle Lösung für die "Quarterlife Crisis" gebe es leider nicht, sagt die Psychologin. Sie betont, dass die Krise keinesfalls ein persönliches Versagen sei. Den jungen Leuten, die in ihre Praxis kommen, rät Papastefanou, sich von den auf sie zukommenden Veränderungen nicht einschüchtern und unter Druck setzen zu lassen. Man solle vielmehr versuchen, sie positiv für sich zu nutzen, denn keine getroffene Entscheidung sei völlig unwiderruflich. Und das Wichtigste: Jeder solle sich bewusst machen, dass ein Lebensweg auch Umwege haben dürfe. (APA)