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Anmerkungen vor Ort von Walter Gröbchen.
E igentlich hätte ein Dankgottesdienst stattfinden müssen, im Kölner Dom mitten im Stadtzentrum. Aber kaum einer der knapp 16.000 Besuchern der PopKomm, der größten Musikmesse weltweit, schien das Datum rot angestrichen zu haben in seinem Kalender.

Dabei handelte es sich um ein denkwürdiges Jubiläum. Genau zwanzig Jahre zuvor, am 17. August 1982, verließ die erste industriell gefertigte CD die Laufbänder des Polygram-Konzerns in Hannover - eine Aufnahme des Pianisten Claudio Arrau. Insgesamt 110 Milliarden Stück wurden bislang hergestellt, die selbst gebrannten Kopien der Computer-Kids nicht eingerechnet. Genau dies aber erwies sich als Pferdefuß der neuen technologischen Errungenschaft, die der Musikwirtschaft zunächst einen ungeahnten Höhenflug beschert hatte: die Digitalisierung der Inhalte und die damit Hand in Hand gehende fatal perfekte Kopierbarkeit.

Statt Dankbarkeit für die zurückliegenden fetten Jahre, die goldene Ära vor der Erfindung des CD-Brenners und des netzkompatiblen Datenschrumpfformats MP3, brachte der Großteil der in Köln herumwuselnden Managerschar denn auch Groll und Zukunftssorgen zum Ausdruck. Weltweite Umsatzrückgänge von 15 Prozent, 177 Millionen im Vorjahr in Deutschland verkaufte Tonträger, die 182 Millionen mehr oder minder legalen Klonen gegenüberstehen. "Wir verkaufen mehr CDs als je zuvor", klagte etwa Falco-Entdecker Markus Spiegel, "nur ist leider weniger als die Hälfte davon bespielt." Flächendeckend eingeführte Kopierschutzmaßnahmen erwiesen sich bislang als eher minder wirksam. The Sound Of Music, anno 2002: ein Requiem.

Die fünf global den Markt dominierenden Plattenfirmen Universal, Warner, EMI, Sony und BMG ("das größte Kartell außerhalb Kolumbiens", so der Medienkritiker John Katz) schlagen sich aber nicht nur mit der zauberlehrlinghaften Vermehrbarkeit - und damit Entwertung - ihrer Haupteinnahmequelle herum, sondern sehen zunehmend ihr gesamtes Geschäftsmodell infrage gestellt. Denn Musik gehört, wie jeglicher in Bits und Bytes zerlegbare "content", zu den über Datenleitungen nicht nur bestell-, sondern auch liefer- und konsumierbaren Gütern. Drei Milliarden Downloads weltweit pro Monat (!) sprechen eine klare Sprache. Das Internet, hier herrscht längst Konsens, ist ein ideales Distributions- und Kommunikationsmedium, eine riesige virtuelle Jukebox. Nur leider ohne Zahlschlitz.

Neben legalen Download-Tankstellen wie popfile.de setzen die Konzernbosse, ungeniert technologielüstern, auf den Multimedia-Transportweg UMTS, der Handys ab 2003 zu mobilen Stereoanlagen und Pocketfernsehern hochrüsten soll. Es werden sich genug Wachstumsnischen finden, um die Anlaufkosten für die schöne neue Welt allgegenwärtigen Entertainments zu schlucken. Wer da still schluckt, wird selbst geschluckt - das mussten, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, selbst Größen wie Jean-Marie Messier (Ex-CEO Vivendi/Universal) und Thomas Middelhoff (Ex-Bertelsmann) erfahren, die mit ihrem Expansionskurs hart an Grenzen stießen. Vor ein, zwei Jahren waren diese Alpha-Wölfe des Business noch die charismasprühenden Stars der PopKomm. Heute gehen sie ebensowenig ab wie die Dotcoms, die 2001 noch rund 25 Prozent der Hallenflächen belegten.

"Talsohle durchschritten - und nun!?", hieß folgerichtig ein Diskussions-Panel auf der verbal mit Gleichmut gesundgeschrumpften Messe. Ungebrochen geben Experten, darunter das US-Marktforschungsunternehmen Forrester Research, positive Prognosen ab. 2007 werde das Geschäft mit legalen Online-Downloads bereits 17 Prozent des gesamten Musikmarkts respektive ein Gesamtvolumen von 2,1 Milliarden Dollar ausmachen, so Forrester. Aktuelle Krise hin, Medienschelte her. "Unser Markt ist nicht in der Krise, unser Markt boomt", meinte denn auch Universal-Chefideologe Tim Renner auf der PopKomm. "Wir haben den Boom nur verschlafen, deshalb sind wir nicht Teil davon. Die Fans gehen verblüffend lange und schwierige Wege, um an Informationen, Songs und Icons zu kommen. Insofern ist jede gebrannte CD eine gute CD."

Da spuckt einer neue Töne ins Klagelied, das die Branche sonst so gerne unisono singt. Ein Plattenboss Arm in Arm mit Download-Aficionados, Web-Philosophen und Netzpiraten? Ein "Macher, der seinen Kollegen die Leviten liest" (Tagesspiegel)? Wohl eher pragmatischer Realismus. "Nach Jahren des Schmorens im eigenen Saft", bemerkte nicht ohne sarkastische Sympathie das Online-Musikmagazin Tonspion, "hat die Branche Fenster und Türen aufgemacht, um die Welt an sich heranzulassen." If you can't beat them, join them! Und selbst der Musikmarkt, das, sozusagen, Sprachrohr der Branche, prognostizierte, dass File-Sharing-Modelle nicht per se kommerzialisierbar sind. "Downloads zu Preisen zwischen einem und zwei Euro legal verfügbar zu machen ist ein verzweifelter Versuch, tradierte Offline-Geschäftsmodelle in die digitale Vertriebswelt hinüberzuretten."

Nüchterne Erkenntnisse. Mehr gefällig? Gern doch.

Eins: Das World Wide Web als struktureller Gegenentwurf zu den Oligopolen einer globalen Corporate Culture ist mächtiger, als es sich Middelhoff & Co. je ausgemalt haben. Der Versuch, Napster und Gütersloh zu vermählen, erwies sich als ebenso hoffnungslos wie jener, die Pariser Wasserwerke und Courtney Love zu versöhnen.

Zwei: Das Konzept "Pop" stößt gleichfalls scheppernd an seine Grenzen. Die Popkultur als Avantgarde der Aufklärung mit Unterhaltungswert hat ausgedient. Sie ist schal, allgegenwärtig und nichts sagend geworden. Oder, nach Renner: Die Krise der Musikindustrie fällt zusammen mit einer allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise. "Das Gute an der Krise ist: Die Kirche füllt sich. Die Leute suchen nach Inhalten, sie suchen nach Emotionen und nach Trost." Bach! Springsteen! Eventuell auch Madonna, wenn sie das Korsett abwirft.

Drei: Die materielle Entwertung des Tonträgers ist eine Folge der Kommerzialisierung und Banalisierung unserer Gefühlswelt. "Popstars", Viva und RTL spiegeln die Bedürfnislosigkeit des Publikums wider, das auf einen schleimigen Eintopf aus Sex, Crime und Billigbeats konditioniert ist. Ungewohntes, Wider-den-Strich-Gebürstetes (eventuell sogar Kunst!) hat keine Chance. Könnte den Programmfluss unterbrechen und das p.t. Publikum aus dem Dämmerschlaf aufschrecken. Wirkliche Emotionen, Tiefe, Loyalität - und der Drang, bei der Kollekte freiwillig, ja freudig den Geldbeutel zu zücken - sind abhanden gekommen. Mindestens im "Mainstream".

Vier: das Modell "Jugend" findet ein natürliches Ende. "Dass von der Zielgruppe der Zehn-bis 19-Jährigen die Entwicklungen für die gesamte Gesellschaft ausgehen, können wir getrost abhaken", wissen Renner & Co. "Sie machen nur noch 14 Prozent des Umsatzes aus. Der Teenager-Fan stirbt aus." Nennen wir das die Chance für einen Pendel-Gegenschlag: Der Abschied vom Jugendwahn ermöglicht einen kulturellen Qualitäts- und Reifeprozess.

Fünf: Die Musikbranche der Zukunft ist der verlängerte Arm der Künstler, nicht umgekehrt. "Ich sehe keine Labels mehr in zehn Jahren, und auch keine Plattenfirmen und Vertriebe, wie wir sie heute kennen", so David Bowie anlässlich der Veröffentlichung seines aktuellen Albums "Heathen". "Ich denke, auch unsere Vorstellung vom Copyright hat sich bis dahin grundlegend gewandelt. Nichts kann diesen Prozess stoppen." Am ehesten wohl noch die Erkenntnis, dass Künstler und ihre Rechteverwerter im selben Boot sitzen. Zumindest theoretisch. Denn praktisch ist die Kluft zwischen bequemen Beständeverwaltern und hungrigen Talenten, zwischen risikoscheuen Karrierebürokraten und forschen Selbstverwirklichern nur größer geworden. Kleine Zellen und Netzwerke mit großen Herzen (und Ohren) haben wieder bessere Karten. Oder die Großen ändern sich - radikal, irgendwie. "Wir werden uns daran gewöhnen müssen", so der Chef von Sony Music Deutschland, Balthasar Schramm, "in Zukunft auch Dinge zu vermarkten, die jenseits der klassischen Tonaufnahme liegen. Vieles, was mit dem Glamour eines Stars zu tun hat, von Klingeltönen bis zu Auszügen aus dem Tagebuch."

Dabei gibt es genug Musik da draußen. Gute Musik. Richtig gute Musik. Darum zumindest muss sich niemand Sorgen machen. Walter Gröbchen ist A&R Consultant bei Universal Music Publishing (Berlin) und eastwest/Warner Music (Hamburg). In Wien betreibt er u.a. die Kommunikationsagentur monkey. (DER STANDARD; Printausgabe/Album, 4.8.2002)