In der Frage "Prestige oder Geld" entscheidet sich Russland unter Wladimir Putin in der Regel für die bare Münze. Alte Großmachtansprüche, die derzeit nicht finanzierbar oder selbst unter Aufwendung großer außenpolitischer Energie kaum aufrechtzuerhalten sind, landen auf dem Müllhaufen der Sowjetgeschichte. Der Armee mag es nicht gefallen, doch für den Staatschef zählt das Primat der Wirtschaft: Die Stationierung von US-Soldaten in Zentralasien im Gefolge des Afghanistankrieges hat die russische Regierung erst einmal geschluckt; die marode Cam-Ranh-Basis in Vietnam, Moskaus Tor zum Pazifik, wird noch dieses Jahr geräumt; Russlands große Abhörstation auf Kuba ist abgedreht. Nur für den Kaukasus gilt diese Regel nicht.Mit dem Angriff von möglicherweise zehn russischen Kampfjets auf das Pankisi-Tal in Georgien hat Moskau seinen Anspruch als Ordnungsmacht im Kaukasus demonstriert und den georgischen Staatschef Eduard Schewardnadse gedemütigt. Der hatte im Bewusstsein von Georgiens militärischer Unterlegenheit Russland bis zuletzt einen "historischen Verbündeten" genannt, trotz der immer drohender werdenden Töne aus Moskau. Das Gegenteil ist richtig: 200 Jahre lang war Georgien unter russischer Herrschaft gestanden. Russischen Angaben zufolge dient das Pankisi-Tal seit Jahren tschetschenischen Rebellen als Rückzugsgebiet. Doch die Dinge sind in Wahrheit komplizierter, und die Sprache folgt ebenso wolkigen wie ehrgeizigen Ideen: Georgien sei ein "zusammenbrechender Staat", heißt es in Moskau, Russland werde sich ein UN-Mandat für eine "Stabilisierung" holen, lässt der Außenminister verbreiten. Dabei sägt die russische Regierung schon lange an einem anderen Ende des georgischen Staates und unterstützt die abtrünnigen Abchasen. Chaos ist das Ziel, sagen resigniert Regierungsvertreter in Tiflis. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.8.2002)