Der an der britischen Cambridge University lehrende Anthropologe Robert Aunger hat eine Vision, die erklärt, was die Hälfte der Welt, die Kultur und den Geist, im Innersten zusammenhält. Seine schlichte Antwort: Meme. Darunter versteht der Forscher Informationseinheiten - Einfälle, Ideen, Verhaltensweisen -, die in unseren feuchten Schädelbiotopen nisten. Tanzschritte, gute Witze oder der Satz des Pythagoras, all das sitzt im Oberstübchen und wartet nur darauf, sich wie Gene evolutionär auszubreiten. So sterben Kalauer aus, gute Pointen verbreiten sich.Dargelegt hat der Forscher seinen memetischen Traum in dem Werk The Electric Meme. A new theory of how we think (Free Press, 27 US-$), das in den USA und Großbritannien einigen Staub in Wissenschaftsressorts und gar im renommierten Fachblatt Science aufgewirbelt hat. Denn viele philosophisch inspirierte Naturwissenschafter träumen davon, mit ihrem Handwerkszeug nicht nur die physische Welt, sondern auch die des Geistes zu kapern. So verwundert es nicht, dass Aunger nicht der Erste ist, der den genialen Mem-Einfall hatte. Das war 1976 der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinem zum Klassiker der Evolutionsforschung avancierten Buch Das egoistische Gen. Dawkins' pointierte Interpretation von Darwins Theorie der Artenentstehung besagt, dass Gene wie Meme den Menschen als Wirtstier benutzen, um das eigene Überleben zu garantieren. Die evolutionäre Entwicklung biologischen Lebens und der Kultur reduziert sich so aus memetischem Blickwinkel auf den kategorischen Imperativ: "Kopiere dich selbst." Die Mem-Forschung krankt seit Jahren daran, trotz Anhängern unter Forschern und Groupies in der Presse nicht recht vom Fleck zu kommen. Niemand weiß so recht, wie die Einheit eines Mems zu definieren sei, wie sich diese Wesen vermehren, wo sie gespeichert werden und wie ein Mem im Evolutionsprozess mutiert. Kopierfehler Aber gemach - wissenschaftliche Revolutionen brauchen ihre Zeit. Und zumindest auf eine der brennenden Fragen glaubt Aunger, der 1999 die erste Mem-Konferenz organisierte, eine passable Antwort parat zu haben. Aunger hat entdeckt, wo sich Meme im Kopf verbergen. Es ist eine Sorte Erinnerung, verkörpert von einem Neuronenknoten, der andere Verknüpfungen von Nervenzellen im eigenen oder in fremden Hirnen in einer Tausendstelsekunde in denselben Zustand überführen kann, sodass diese Zellen das gleiche Mem repräsentieren. Damit erklärt der Forscher auch, wie es zu den für evolutionäre Prozesse notwendigen Variationen kommt - denn die Übertragung klappt natürlich selten perfekt. Nur, die Sache hat einen Haken: Aungers Ausführungen entstammen sehr bemühten Deduktionen, wie Meme aussehen müssten, wenn es sie denn gäbe. Empirische Belege liefert er nicht. So erscheint sein Buch mehr wie die Ausgeburt der in seiner Hirnschale quengelnden Meta-Meme - der Memtheorie -, die ins rettende Freie drängen, um sich gemäß ihrer Mission fortzupflanzen. Auf diese Weise zumindest liefert Aunger ein Beweislein für sein Modell. Denn diese Stichworte verbreiten sich schnell als pseudowissenschaftlicher Smalltalk auf Cocktailpartys und - ein genialer Kunstgriff - bestätigen sich so selbst. (Hubertus Breuer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.8.2002)