derStandard
Er liebt die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts. Und er liebt die Gefahr. Er hat Geschichte und Theologie studiert. Und er war Fallschirmjäger in Vietnam. Schließlich hat er noch die Nichte von Irlands berühmtestem Maler, Louis le Brocquy, geheiratet. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist Charles Hill Polizist geworden. Und 20 Jahre lang auch geblieben. Zuletzt stand er der "Arts and Antiques Squad" der Metropolitan Police Londons vor. Das Einzige, was ihn interessiert, ist seine Arbeit. Bis zum finalen Umfallen möchte er nichts anderes mehr tun. Und so wäre er wohl auch Polizist geblieben, hätte man sein Department nicht zu einer Ein-Mann-Detektei zusammengestutzt. Es würde zu viele Steuergelder verschlingen, war die öffentliche Meinung Mitte der 90er-Jahre, und: dass ein zu großer Apparat nach sauteuren Gemälden hochvermögender Leute suchen würde. Dass der Marquess of Cholmondeley 1992 The White Duck aus dem Pinsel von Jean-Babtiste Oudry gemein entwendet wurde und die Marquess of Bath drei Jahre später nicht mehr unter Tizians Rast auf der Flucht nach Ägypten zum Tee bitten konnte, bekümmerte die statistisch gesehen öfter arbeitslosen als adeligen Briten kaum. Zumal publik wurde, dass in die - bis damals erfolglose - Suche nach den beiden Edelleinwänden schon zehn Millionen Pfund investiert wurden. Charles Hill, ganz Sohn eines US Air Force Officers, wollte nicht in den reduzierten Innendienst. Er heuerte beim Kunstversicherer AXA Nordstern an. Mit besten Empfehlungen: Unter seiner Regie konnte "der General", ein gefährlicher Räuber aus Dublin, gestellt werden, konnte dadurch Goyas Dona Antonia Zarate und mit ihr auch gleich Vermeers briefschreibende Lady wieder heim zu Sir Alfred und Lady Beit ins Irische. Und auch Munchs Schrei muss, Hill sei Dank, nicht länger mehr im Untergrund ersticken, sondern tönt wieder ungebrochen in aller Öffentlichkeit aus Oslo. Außerdem war Marquess of Bath's Tizian bei Nordstern versichert, Mr. Hills Wissen demnach zumindest zehn Millionen Pfund schwer. Was auch er wusste, als er im Jahr 2000 seine Recherchen als AXA-Angestellter beendete und den Fall fortan als Chef der Charles Hill Art Consultancy investigativ weiterbetreute. Bis gestern die Rast auf der Flucht nach Ägypten sieben Jahre, nachdem sie gestohlen wurde, "in einem Plastiksack gefunden wurde". Über das Wie und Wo, darüber schweigt der noble Kunstversicherer. Nur dass Charles Hill wieder einmal maßgeblich daran beteiligt war, wird berichtet. Hill ist das nur recht. Denn Storys über den Ermittler privat, wie jene unlängst im Daily Telegraph, machen Undercover-Arbeit auch nicht leichter. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2002)