"Mein Brief fängt dort an, wo der Spaß aufhört". Das schreibt Adolf Holl ganz am Schluss, wo es keinen und keine mehr abschrecken kann. Da schlägt einer die Tür hinter der Spaßgesellschaft zu und widmet sich einmal mehr dem Ernst des Lebens. Sein produktiver Zweifel steckt an: "Gottlosigkeit" - ist das eine Eigenschaft, die man heute jemandem wertfrei zuschreiben kann? Klingen die "gottlosen Frauen" des Titels nicht wie das Zitat eines Bischofs von gestern oder eines Mullah von heute? Aber vielleicht will der Autor ja diesen Anklang an die Priestersprache, denn von ihrer Gewalt ist hier die Rede. Nicht gemeint ist jedenfalls Die Schule der Gottlosigkeit des Aleksandar Tisma, die den Verlust des Gewissens bedeutet, die Entlassung des Menschen in die Barbarei.Tatsächlich bleibt Holls These lange merkwürdig unklar. Da wird vermutet, dass Frauen "von Haus aus" eher zur Gottlosigkeit neigten als Männer - die schließlich die Weltreligionen gestiftet und ihre Riten dominiert hätten. Das sagt einer, der sich zeitlebens intensiv mit den großen Mystikerinnen befasst hat, sich gewiss der weiblichen Volksfrömmigkeit bewusst ist und auch der katholischen Kämpfe und Scharmützel um das Priesteramt. Heute, so Holl, würden immer mehr Frauen der nach dem Bilde des Mannes geformten Religion den Rücken kehren. Die "gottlosen Frauen" der Gegenwart ähnelten dem "Marienkind in Grimms Märchen, das von der Jungfrau Maria die Schlüssel zu den 13 Türen des Himmelreichs erhält, mit dem strengen Befehl, die allerletzte Tür nicht aufzusperren", hinter der die Dreifaltigkeit thront. Das Mädchen hat die Wahl: auf immer vom "sublimsten Geheimnis des Männerhimmels" ausgeschlossen zu bleiben oder auf die Erde zurück zu müssen. Um gar nicht in diese Zwickmühle zu geraten, blieben die "gottlosen Frauen" lieber gleich auf der Erde. Offen bleibt auch, wie Adolf Holl zu dieser weiblichen Skepsis steht. Einerseits will er die abtrünnigen Frauen ausdrücklich nicht in den Schoß der vielen Vätern gehörenden Mutter Kirche zurückholen. Andererseits schmerzt ihn die demonstrative Gleichgültigkeit. Bald erscheint das Gottlos-Sein als kreativer, aufmüpfiger Akt, bald als traurige Verflachung. Holl schreibt seinen "Brief" an drei Frauen, deren Antworten wiederum in den Text einfließen, drei Freundinnen, die Gott auf unterschiedliche Weise los geworden sind: Irena, die tschechische Journalistin, zur Dissidentin bekehrte Kommunistin, heidnisch erzogen, eine Kämpferin ohne Jenseitshalt; Natascha, die freisinnige Philologin, die momentanes Glück in, wie Andreas Okopenko sagen würde, fluidalen Naturerfahrungen findet, und Felicitas (Goodman), Linguistikprofessorin in Ohio, die als Pensionistin zur Schamanin und Trance-Expertin wird, bald auch zu einer Koryphäe der Religionswissenschaft. Sie und ihre Beziehung zur Anderen Wirklichkeit irritieren den "entlaufenen" Priester Holl wohl am nachhaltigsten. Da ist eine, die ganz selbstverständlich mit Geistern kommuniziert, die gottlos und tiefreligiös ist und den Neid dessen erregt, der nie zum Don Camillo taugte: "Noch nie hat mein Herr Jesus mit mir geredet." Holl sieht in den Praktiken, bei aller Faszination, zu viel Effekt und auch eine Bagatellisierung des Gottesgedankens. Sein persönlicher Kraftort ist in Rom, nicht in Afrika. Es spricht für Adolf Holls geistige Risikobereitschaft, dass er seine inneren Widerstände als solche zur Diskussion stellt und die eigene Initiation in einer Männerkirche stets mitbedenkt. So ist das Mönchtum nicht zu fassen ohne die Angst vor der Frau. Die Askese erscheint Holl als Einübung in den Tod. Dass der Mann ohne "immaterielle Beglaubigung" nicht leben kann, führt ihn Ersatzreligionen zu: Das gilt für Sartres Priesterdienst an der Literatur genauso wie für den (offiziell) unbeweibten Vegetarier Hitler, der in Indien einen respektablen Ruf genießt und den Holl sich gut als eine Verkörperung des provokant enthaltsamen Lord Schiwa vorstellen kann: "mit einer Kette von Totenschädelchen um den Hals und einem Kanonenrohr als Geschlechtsorgan". Von seinem Namensvetter, der ihm, anders als Christus, im Traum erscheint, ihm gar seine Geheimnummer verrät, kommt Adolf Holl nicht los - in der Realität ist der Anschluss nicht besetzt; dass Hitler als ein Dämon unter vielen zum Objekt einer kirchlichen Teufelsaustreibung im Deutschland des Jahres 1976 wird (eines der spannendsten Kapitel), lässt Holl die Welt der Be-Geisterung in allzu egalitärem Licht erscheinen. Auf der Suche nach dem weiblichen Gegenprinzip, auf den Spuren des guten alten Bachofen (Das Mutterrecht), ist Adolf Holl geneigt, die friedliche Ordnung der Großen Mutter, etwa auf Kreta, für eine romantische Konstruktion zu halten. Dann wieder zeigt er sich von Erich Fromms Interpretation der 7000 Jahre alten Siedlung Chatal Hüyük (Türkei) beeindruckt: ein offenbar paradiesisches Gemeinwesen, dank dem Fruchtbarkeitskult der frühen Ackerbauern. Mehr historisches Beweismaterial liefert freilich Simone de Beauvoirs These: dass das Lebenspenden weniger ins Gewicht fällt als das Nicht-Töten-Können, dass die Frau, die sich nicht mit dem Mann misst, kein Ansehen erwirbt. Da fällt mir Marlen Haushofer ein, ihr Alter ego im Roman "Die Wand" (1963) als Prototyp der "gottlosen Frau", die ihre nihilistischen Erleuchtungen in der Einöde auch als Aufbegehren gegen die lebensfeindliche Männerwelt und ihren Gott inszeniert. Wie sagt Holl? Frauen sind in ihrem Sinn für Wirklichkeit radikaler gottlos als Männer. Und ich denke daran, dass es nicht leicht war, Frauen für ein Festival zum Thema Transzendenz zu gewinnen. Aber: Holls großer Essay läuft auf etwas anderes hinaus. Nicht die gottlos ernüchterten Frauen sind seine Lichtgestalten, sondern jene, die einen direkten Draht zu Gott haben - die "bekehrte" Kommunistin Simone Weil, die sich als Antwort auf das Elend der Welt zu Tode hungerte, oder Jeanne d'Arc, bei der Holl sich in den Widerspruch seines Vorhabens verwickelt: Ihr Lachen anlässlich des von der Inquisition erzwungenen Widerrufs führt er als Symptom weiblicher Gottlosigkeit an, die man der Hl. Johanna ja nun wirklich nicht unterstellen kann. Adolf Holls Bewunderung gilt den unbedingten Gläubigen, die sich ganz preisgeben, nicht gott-, aber obrigkeitlos, untertänig nur der obersten Instanz und oft in die Kategorien der Medizin abgeschoben: Der eigene Leib als Fremdkörper. Von der Hl. Klara bis zu Simone Weil heißt ein Aufsatz Holls (Was 88, 1997), auf den er hier vergessen hat. Für Frauen von solcher spiritueller Inbrunst hat die Sprache des Religiösen nur von Männern abgegriffene Begriffe. "Vielleicht müsste ich diese Träume mit Kieselsteinen auf grünes Moos zeichnen oder mit einem Stock in den Schnee ritzen. Aber das ist mir noch nicht möglich", sagt die Heldin der Wand. Holl will auf diese Aporie hinweisen, Frauen ihr Potenzial an "Geistlichkeit" nahebringen, vielleicht auch Wiedergutmachung leisten für den eigenen Priesterblick. Deshalb hat die tastende Methode, die zugleich ein Panorama der einschlägigen Literatur eröffnet, ihre Meriten. Es ist besser zu verwirren als zu überrumpeln. Für ein "polemisches (sic) Traktat", wie es auf dem Buchrücken heißt, ist Holls Brief indes einerseits zu radikal, andererseits zu vorsichtig. Ein bißchen mehr hätte er sich schon trauen dürfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 24./25.8.2002)