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Foto: APA/dpa/Melchert
Immer wieder hupen Autos: "Daran müssen Sie sich gewöhnen", meint Guido Westerwelle. Zumindest auffallen tut das grellgelbe, elfeinhalb Meter lange Guidomobil, das in den vergangenen fünf Wochen quer durch Deutschland getourt ist: Rund 6000 Kilometer, 83 Stationen. Wer auf dem blau überzogenen Plüschsofa, das quer zur Fahrtrichtung steht und äußerst unbequem ist, Platz genommen hat, kann nachvollziehen, dass Westerwelle längere Strecken in einem der BMW-Begleitfahrzeugen zurücklegt und häufig erst kurz vor Auftritten ins FDP-Spaßmobil umsteigt. Bei seinen "Bürgergesprächen" verweist Westerwelle aber stolz darauf, dass er zu den Wahlkampfterminen im Campingmobil anreise, während "die anderen in Staatskarossen" kämen. Die Frage, wie viele Kilometer er selbst in dem umgebauten Campingbus, den die FDP von einem Rentnerpaar gekauft hat, zurückgelegt hat, mag Westerwelle nicht beantworten. Die dunkelbraun-furnierten Schränke im Siebzigerjahrestil im Inneren scheinen auch nicht recht zum trendigen Westerwelle zu passen. Aber die Küche ist funktionell: Man kann Kaffee zubereiten, und im Kühlschrank liegt ein Stück Speck, mit dem sich Westerwelle unterwegs stärkt. Licht spenden gelbe Plastiklampen, auf deren Schirm die magische Zahl 18 - Wahlziel der FDP - prangt. Eine 18 ziert auch das Trittbrett, das beim Öffnen der Tür ausklappt. Sehr viel Spaß scheint ihm selbst diese Guidomobil-Tour nicht zu machen, die am Wochenende zu Ende ging. Sichtlich genervt reagiert er, weil immer wieder das Handy klingelt. Dann zieht er sich in sein Separee im hinteren Teil zurück, in dem es ein Bett und eine Dusche gibt. Zwischendurch diktiert er hektisch dem mitreisenden Sprecher eine Presseerklärung, in der er dem Kanzlerkandidaten der Union, Edmund Stoiber, "Rumgeeier" beim Thema Steuererhöhung vorwirft. Auch die durchwegs negativen Medienberichte über seinen "Spaßwahlkampf" nerven ihn. "Abgehobene Berichterstattung", meint Westerwelle sichtlich sauer. Man solle außerdem nicht unterschätzen, wie wichtig es für normale Menschen sei, wenn sie einen Promi träfen. Auch über die Sache mit den Autogrammkarten, die Westerwelle großzügig und auf Wunsch auch mit Widmung verteilt, solle man sich nicht lustig machen. "Meine Erfahrungen sind sehr positiv." Und wo auch immer das Gefährt hält, nützt Westerwelle die Gelegenheit zum Wahlkampf - und scheint wie verwandelt: So auch bei einem Stopp auf einer Autobahnraststätte in Bingen am Rhein. Ein Bus mit Pensionisten parkt neben dem Guidomobil, Westerwelle marschiert zielstrebig auf sie zu, Mitarbeiter mit Autogrammkarten folgen. Die Rentnerinnen sind dann voll des Lobes über diesen "jungen höflichen Mann". Auch auf der Rheinfähre bei Rüdesheim nützt er die Überfahrtszeit, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Jede Aktion ist ihm willkommen. So schneidet er in Rüdesheim Westerwellen an, die ein Konditor in Anlehnung an Donauwellen gebacken hat. "Wunderbar, wunderbar", bedankt er sich überschwenglich. Er spult routiniert seine Rede mit den Schwerpunkten gegen Steuererhöhungen, für ein besseres Bildungssystem ab und erntet etwas müde Lacher, als er in Anspielung auf seine Kanzlerkandidatur meint: "Ich kann mich nicht völlig dem Gedanken verschließen, dass das nicht beim ersten Mal klappt." Journalistenfragen, was mit dem Guidomobil passiert, entgegnet er patzig: "Dienstwagen im Kanzleramt." (Alexandra Föderl-Schmid aus Rüdesheim, DER STANDARD, Print, 26.8.2002)