In diesen Tagen beginnt beim "Internationalen Forum Alpbach" das Politische Gespräch. Es ist wie jedes Jahr wichtigen außenpolitischen Themen gewidmet. Ein zumindest teilweise europäisches Land kommt darin allerdings nur am Rande vor - obwohl es durch weit reichende, innenpolitisch schwer errungene Reformgesetze in jüngster Zeit ein deutliches Signal gegeben und mit der Abschaffung der Todesstrafe in Friedenszeiten sowie mit der Schaffung von Ansätzen zur Anerkennung und Förderung der kurdischen Minderheitensprache und -kultur seinen Willen unterstrichen hat, durch Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen zum ernsthaften Beitrittskandidaten zu werden: die Türkei. Man muss dem Europäischen Forum Alpbach in diesem wie auch in den vergangenen Jahren das große, wenn nicht gar historische Verdienst zusprechen, eine derjenigen weltbekannten Institutionen in Europa zu sein, die die Diskussion, den Austausch und die Einbindung der Türkei auf verschiedenen Ebenen fördert. So nimmt am diesjährigen außenpolitischen Gespräch auch ein Vertreter der Türkei, Ahmet Evin von der privaten Sabanci Universität Istanbul, teil. Es ist allerdings viel sagend, dass der türkische Vertreter nicht zu den Foren "Die neue Außenpolitik", "Die neuen Netzwerke der europäischen Sicherheitspolitik" oder "Die neuen Anforderungen und Aufgabenfelder der Außenpolitik", sondern zum Forum "Die Zukunft der Europäischen Union - Der Blick von außen" eingeladen wurde. Die Türkei blickt also bis auf weiteres "von außen" auf die Europäische Union. Obwohl das durchaus den Tatsachen entspricht, ist das damit verbundene Signal gerade im Hinblick auf die soeben in der Türkei in Kraft tretenden Reformgesetze ambivalent. Das Forum Alpbach bemüht sich seit einiger Zeit ebenfalls in europaweit vorbildlicher Weise, die Türkei auf Diskussionsveranstaltungen zu fördern (wie zuletzt bei der internationalen Tagung Türkei- Österreich-Europa im Juni 2001 in Wien). Vor allem aber versucht das Forum, immer mehr türkische Intellektuelle mit Stipendien anzuziehen, und zwar insbesondere zur "Internationalen Sommerschule für europäische Integration", um den langfristigen Austausch und die nachhaltige Einbindung der Türkei zu fördern. Allerdings bleiben die Ansuchen um Teilnahme von Dozenten und Studenten aus der Türkei bisher eher spärlich. Pessimistische Elite Das hat verschiedene Gründe, die ebenfalls symptomatisch für die heutige Lage der Türkei sind. Sie sind nicht zuletzt der mangelnden Konfrontations- und Kritikbereitschaft der türkischen Elite und dem fehlenden Selbstbewusstsein der jungen türkischen Studenten und Intellektuellen zuzuschreiben. Die allgemeine Stimmung in der Türkei, die sich nach den Gesetzreformen ausbreitet, ist zum größten Teil doch pessimistisch. Viele glauben nicht an die Aufnahme der Türkei in die EU und unterstreichen, dass die Europäische Union die Türkei seit Jahren mit "Vorwänden" auf der Warteliste stehen gelassen hat. Die Hoffnung auf eine absehbare Haltungsänderung der EU in dieser Frage wurde vom Misstrauen verdrängt, dass Europa nun andere Gründe finden wird, um eine Vollmitgliedschaft zu verhindern. Trotzdem sind die neuen Reformgesetze für die Türkei ein großer Schritt nach vorne. Und wenn sich dadurch die Lage in der Türkei zum Besseren ändert, ist die Anbindung an die EU nur ein möglicher Nutzeffekt einer an sich sinnvollen und zukunftsweisenden Maßnahme. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2002)