Jan Pronk weiß, wovon er redet. Der Mann war Umweltminister der Niederlande, führte die Verhandlungen beim gescheiterten Klimagipfel in Den Haag und ist nun Sondergesandter der UNO für den Weltgipfel in Johannesburg. In dem überfüllten Zelt bei der Naturschutzorganisation IUCN erklärt Pronk vor Journalisten, die sich fragen, worum es eigentlich geht: "Wir haben die Wahl: Wollen wir eine exklusive Welt, in der sich die Minderheit der reichen Länder gegen die Armen abschottet? Oder wollen wir ein inklusives System, das allen die faire Chance auf eine Arbeit, ein Dach über dem Kopf, genug Essen und sauberes Trinkwasser garantiert?" Aber Jan Pronk irrt sich. Denn diese Wahl ist zumindest um ihn herum längst getroffen worden. Johannesburg, die Bergbaumetropole Südafrikas und eine der größten und dynamischsten Städte Afrikas, hat sich entschieden: für die Abschottung der Reichen im nördlichen Stadtteil Sandton, für hohe Mauern, scharfe Hunde und bewaffnete Wächter. Die Mittelschicht verschanzt sich gegen die Armen und Kriminellen. Und genau hier, in dieser Luxusenklave der Ersten Welt mitten in der Armut, hält die UNO ihren Weltgipfel über Bekämpfung der Armut und des Hungers. In den klimatisierten Kongressräumen entscheiden die Delegierten über das Schicksal der Menschen, die vor den Stacheldrahtzäunen warten. Einlass nur für Befugte Seit Freitag ist Sandton UN-Gelände. Doch die Vereinten Nationen zeigen sich hier nicht als schwache Organisation, sondern als Hardliner. Das gesamte Kongressgebiet ist abgeriegelt, Hundestaffeln, berittene Polizei, Schlagbäume, Zäune und Stacheldraht sollen die über 100 Regierungschefs absichern. Einlass nur für Delegierte oder Journalisten. Straßenhändler, die hier sonst ihre Waren anbieten, haben Aufenthaltsverbot. Die Polizei greift hart durch. Sie verhaftete über 100 Landlose, die gegen den Gipfel demonstrierten (inzwischen sind sie wieder auf freiem Fuß). "Ist es das, was wir vom Gipfel zu erwarten haben", fragte eine Journalistin bei der ersten offiziellen Pressekonferenz, "Gewalt gegen friedliche Demonstranten?" Die ungerührte Antwort von Südafrikas Außenministerin Nkosazana Dlamini-Zuma: "Die Demonstration war nicht erlaubt. Wir werden nicht tolerieren, wenn sich Leute nicht an unsere Gesetze halten." "Armut ist der Nährboden für Gewalt." Das sagen die UN, die Delegationen, das sagen auch die NGOs. Gemeint ist es als Beschwörung an die USA, vom Kurs der Militarisierung nach dem 11. September abzugehen und die Ressourcen dem Kampf gegen die Armut zu widmen. Immerhin wurde der Johannesburg-Gipfel vorverlegt, damit sein Ende nicht mit dem Jahrestag der Terroranschläge zusammenfällt. Südafrika als Modell für den Wechsel, als Beweis dafür, dass es möglich ist, die Welt zu verändern - das ist eine der offiziellen Begründungen für die Wahl des Konferenzortes. "Wir haben unsere Apartheid von Schwarz und Weiß überwunden, jetzt muss die Welt die Apartheid zwischen Arm und Reich beseitigen", sagte Staatspräsident Thabo Mbeki bei der offiziellen Eröffnung am Sonntagabend. Doch über die Strategien zur Bekämpfung der Armut sind sich Regierungen und NGOs völlig uneins. Für Greenpeace-Direktor Remi Parmentier sind die offiziellen Verhandlungspapiere "völlig inakzeptabel". Die Industrieländer würden wieder nur ermahnt, ihre Märkte zu öffnen und den Entwicklungsländern beim Aufbau einer lukrativen Exportwirtschaft zu helfen. Hungersnöte drohen Rechtzeitig zur Eröffnung legte die UNO-Ernährungs-und Landwirtschaftsorganisation (FAO) einen Bericht vor, wonach in insgesamt 21 Länder in Afrika südlich der Sahara Hungersnöte drohen. Die reichen Industrienationen wurden aufgerufen, für die Hunger leidenden Menschen zu spenden. Bis zur Ernte im April 2003 müssten Nahrungsmittel im Wert von 507,3 Millionen Dollar (523 Mio. EURO) bereitgestellt werden. Bisher hätten die reichen Geberländer erst 24 Prozent dieser Summe zugesichert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 8. 2002)