Die "Liars" zählen laut der britischen Zeigeist-Bibel "The Face" zu den "100 wichigsten neuen Bands". Punksongs als Splitterbomben. Der Rock 'n' Roll ist offensichtlich zurück.

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The (International) Noise Conspiracy

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In Großbritannien wird gerade das Ende der DJ-Ära ausgerufen. Und mit neuen wilden Bands wie den "Liars" oder "The (International) Noise Conspiracy" und CD-Anthologien wie "Future Rock & Roll" kehrt auch ein totgeglaubter Stil zurück: Rock 'n' Roll - gelesen als Punk.

Wien - Das britische Zeitgeistmagazin The Face hat gerade das sofortige, für schnelle Popverhältnisse schon lange überfällige Ende des DJ-Kults ausgerufen. Es trug diverse renommierte Clubs wie Ministry of Sound zu Grabe, die mit ihrer mainstreamlastigen Auslegung von Clubkultur und diversen, im Vierteljahresrhythmus wechselnden Bindewort-Dancefloor-Stilen jahrelang den State of the Art im Inselreich bestimmten.

In der jüngsten Ausgabe von The Face wurde jetzt obendrein ein Gewaltakt in Sachen Paradigmenwechsel unternommen. Nicht weniger als die ,,100 wichtigsten neuen Bands" wurden vorgestellt, allesamt Anwärter für Titelgeschichten im chronisch unter Pop-Hypes leidenden, aber davon lebenden Großbritannien und dessen Musik- und Lifestyle-Gazetten - vom heuer 50 Jahre "Sex & Drugs & Rock 'n' Roll" feiernden New Musical Express bis zu immergrünen Trendsetter-Bibeln wie I-D.

Mit dem Stichwort "Band" und dem abrupten Übergang von autistisch werkenden DJ-Abgöttern zum guten alten sozialen Interagieren in musikalischen Interessengemeinschaften für schnelles Geld, noch schnellere Drogen und billigen Sex meldete sich auch ein Schlagwort zurück, auf das man so lange eingedroschen hatte, bis es für alle Zeiten für tot erklärte wurde: Rock 'n' Roll!

Es war nicht gerade angesagt - und vor allem nicht verkaufsfördernd! -, während der letzten Jahre mit einer E-Gitarre in der Hand zu Erringung der Weltherrschaft aufzurufen, während sich die so genannten Kräfte des Fortschritts zu Hause im Technopark mit dem Edieren von edlen Samples und Vierviertel-Beats vergnügten.

Allerdings wurden im Vorjahr mit den jungen New York Seventies Punk-Fans The Strokes und dem Detroiter Blues-Punk-Duo The White Stripes zwei Bands massiv und flächendeckend in den Himmel gelobt, die so agieren, als ob ein Vierteljahrhundert Musikgeschichte auf jene Zeitdauer eingedampft werden könnte, die es braucht, um den Aschenbecher eines feuchten Kellerproberaums überquellen zu lassen.

Mach es dir selber

Mit dieser Rückbesinnung auf "alte Werte" wie klassische Dreiminuten-Songformate, rebellische Attitüde, Lederjacken, verfilzte Haare und im Jahr des 25-jährigen Jubiläums des Punk mit einer aufmüpfigen Do-it-yourself-Haltung ausgestattet, wurden im Gefolge der Strokes bald nicht nur neue Kräfte wie der Black Rebel Motorcycle Club oder die australischen Nirvana-und Kinks-Epigonen The Vines hysterisch auf die Titelseiten gepuscht.

Auch schwedische Sixties-Punk-Sachwalter wie die The Hives (Veni Vidi Vicious!!!), die politisch kodierten The (International) Noise Conspiracy (Capitalism Stole My Virginity) und selbst traditionalistische Rocker wie The Soundtrack Of Our Lives dürfen sich nun nach längerer Anlaufphase im bis dato völlig unschicken Underground der kleinen Kellerclubs unerwartet in der Sonne der Öffentlichkeit als "next big thing" präsentieren.

Wie ein aktueller und im deutschen Raum bisher nicht lizensierter CD-Sampler nachdrücklich belegt: Diese offensichtlich nicht unterzukriegende Haltung, der bösen Welt noch bösere Rocksongs unter den Vorzeichen des Punk entgegenzuspeien, trägt im Verborgenen unerwartet erfrischende Ergebnisse.

Sonic Mook Experiment 2, benannt nach einem legendären Londoner Club, versammelt auf Future Rock & Roll möglicherweise zwar nicht die angeberisch postulierte Zukunft des Rock 'n' Roll.

Dafür aber belegen insgesamt 25 neue beziehungsweise neuere und obskure Bands wie Überwensch (sic!), The Drug Punks, Joan Of Ass, Ikara Colt oder The Parkinsons, dass Rockmusik abseits von ausschließlich nach Geld schielenden Stadiongroßveranstaltungen im Stile von Bon Jovi immer seinen Platz finden wird - und sich bei entsprechendem Widerstand gegen die Übermacht gleichmachender jugendkultureller Leitmedien wie MTV oder FM4 im Zweifel halt seinen Weg freisprengt.

Im New Musical Express wurde Future Rock & Roll, dieser lärmige, aggressive und fröhlich scheppernde Aufstand im Probekeller wie folgt charakterisiert: "This album is so now it hurts."

Und mit den ebenfalls auf dem Album vertretenen vier New Yorker No-Wave-Wahnsinnigen Liars, die gerade mit They Threw Us In A Trench And Stuck A Monument On Top ein halsbrecherisches Splitterbomben-Debüt im Stile der Ende der 70er-Jahre richtungsweisenden Agit-Prop-Punk-Heroen The Gang Of Four veröffentlicht haben, dürften gerade die neuesten Stars im Sinne der Strokes heranreifen.

Future Rock & Roll , ein großartiges Manifest von Rockmusik, wie sie sein soll: laut, grob - und so modern, dass diese Bands morgen schon wieder ziemlich alt aussehen. Alt wie in: zeitlos. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2002)