New York - Die Lichter am Broadway werden auch am 11. September strahlen, doch die meisten Theatertüren bleiben geschlossen. "Der König der Löwen" und "Das Phantom der Oper" pausieren genau wie "Les Miserables" oder "Mamma Mia!" - ausnahmsweise. Je näher der Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center rückte, desto klarer wurde an den Vorverkaufskassen: Nur wenige wollen Karten für den 11. September. So wenig den New Yorkern an diesem Trauertag nach einer Broadway-Show zumute sein mag, so sehr haben sie in den vergangenen Wochen und Monaten für einen Aufschwung in der gesamten Theaterszene des "Big Apple" gesorgt. Um voraussichtlich rund sieben Prozent werden die Einnahmen der Broadway-Theater in der Sommersaison 2002 über denen des Vorjahres liegen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass der Einnahmenrekord der Broadway- und Off-Broadway-Bühnen von insgesamt 1,281 Milliarden Dollar in der Saison 2000/2001 zum Ende der jetzigen Spielzeit noch überboten wird. Und das obwohl die Zahl der ausländischen Touristen um mehr als ein Drittel gesunken ist. 30 Theaterproduktionen - von Musicals und Tanzrevuen bis Dramen und Ein-Personen-Stücken - bietet gegenwärtig allein der Broadway. Das sind vier mehr als im vergangenen Jahr um diese Zeit und sechs mehr als im Jahr 2000. Als in den ersten Wochen nach dem 11. September die Zuschauerzahlen dramatisch sanken, als die Stadt um Millionenspenden für das Überleben der Theater bat, da herrschte am Broadway Untergangsstimmung. Heute ist von einer neuen Theaterbegeisterung die Rede. Künstler live auf der Bühne zu sehen "wird wieder als ein großartiges Erlebnis empfunden und es gibt einen großen Hunger danach", sagt Margo Lion, Ko-Produzentin von "Hairspray" und "Harlem Song". Die beiden Musicals sind große Hits, was auch zeigt, dass der Boom nicht allein auf das Glitzerviertel rings um den Times Square beschränkt ist. "Hairspray" - die Bühnenvariante der Filmkomödie von John Waters über Rassenspannungen und Jugendprobleme im Amerika der 60er Jahre - ist zurzeit der Renner am Broadway. "Harlem Song" dagegen lockt die Zuschauer in Scharen in das Schwarzenviertel im Norden Manhattans. George C. Wolfes musikalische Revue durch die Geschichte Harlems ist der Hit des Jahres im traditionsreichen Apollo-Theater an der 125. Straße. Und auch der Süden Manhattans war im August ein Schauplatz der neu erwachten Bühnenbegeisterung. Zum New York International Fringe Festival - ein Theatermarathon auf Straßenbühnen, in Hinterhöfen, Gaststätten und auch einigen größeren Sälen - kamen Tausende in die Lower East Side. Das ärmliche Viertel, für dessen Wiederbelebung sich Geschäftsleute und Künstler seit einigen Jahren stark machen, war 16 Tage lang alles andere als ein "Fringe", ein Randbezirk. Mehr als 60 der rund 200 verschiedenen Aufführungen - darunter 16 neue Musicals - waren schon Wochen vorher ausverkauft. "Es kamen doppelt so viele Menschen wie im vergangenen Jahr", sagt Elena K. Holy, die das Fringe Festival 1996 ins Leben rief. "Damit haben New Yorker angesichts der schlimmen Ereignisse im September auch gezeigt, wie sehr sie die Revitalisierung von Süd-Manhattan wünschen." Indirekt profitiert davon auch der Broadway. Das Fringe-Festival hat sich längst als große Testbühne für neue Talente und Ideen erwiesen. Das Musical "Urinetown" zum Beispiel, das inzwischen zu den Broadway-Rennern zählt, war 1999 beim Fringe Festival uraufgeführt worden. (APA/dpa)