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Der 1935 in Stuttgart geborene Komponist Helmut Lachenmann.

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Salzburg - Sieben lange Jahre mussten sie aufeinander warten - der Komponist und sein Mädchen mit den Schwefelhölzern . Und das ist selbst für Helmut Lachenmann, den skrupulösen Selbstbefrager, der Werke nach ihrer Fertigstellung mitunter zurückzieht, eine "ziemlich lange Zeit. Noch einmal schreib' ich sicher keine Oper! Es gab viele Krisen, weil ich so was eigentlich gar nicht kann. Das war natürlich irgendwie auch mein Vorteil."

Lachenmann hat 1989 angefangen zu schreiben, 1992 wurde die geplante Uraufführung verschoben, "1994 hab' ich die Oper zurückgezogen, schließlich kam noch die Geschichte mit dem Diebstahl in Italien. Vier Aktentaschen voll von Opernskizzen wurden gestohlen! Auf Anraten von Peter Ruzicka habe ich eine Annonce in einer Zeitung aufgegeben, die Diebe mögen mir zumindest die Musik zurückgeben. Eine Reinschrift kann man rekonstruieren, aber nicht Skizzen. Sie schreiben keinen Brief zweimal gleich!"

Das unfassbare Happyend begab sich dann in der Deutschen Botschaft, "wo die Skizzen tatsächlich abgegeben wurden. Bis dahin waren es gespenstische 14 Tage. Der nächste Müllschlucker war wahrscheinlich nicht weiter weg als die Botschaft. Die Bande hatte aber ein Herz!" Mittlerweile kann Lachenmann darüber schmunzeln, das Werk wurde ein Erfolg.

Die Regenangst

Hamburg, Stuttgart, Japan. Und nun in Salzburg, wo es schon unter Mortier hätte gezeigt werden sollen. Dass das Mädchen hier eher nur konzertant erscheint, findet er in Ordnung. "Ich schätze das, wie ich eine konzertante Aufführung des Parsifal schätzen würde. Ich hoffe nur, dass es nicht heftig regnet. Wenn ja, sind wir in der Felsenreitschule verloren."

In der Tat braucht Lachenmanns Musik ein stilles Ambiente. Will man etwa die ausgeklügelten fordernden Geräuschfantasien adäquat beobachten - Lachenmann mag das Wort "wahrnehmen" nicht -, wie sie etwa in Salut für Caudwell (für zwei Gitarren) oder temA dominieren, braucht es schon absolute Ungestörtheit. Die Kunst des rigorosen Tonsetzers wirkt nach wie vor fordernd. Lachenmann ist aber auch für sich selbst wohl kein leichter, weil zweifelnder "Partner". Komponieren, das sei schließlich ein Bewältigen von Traumata.

Einst, als er bei Luigi Nono lernte, durfte er auch manches durchleben, Worte wie "ihn fertig machen" hat Nono verwendet. Um Lachenmann weiterzubringen, hat er den Schüler in den späten 50er-Jahren also hart angefasst: "Er sagte, das sei armselig, was ich produziere, nichts Eigenes. Er hatte Recht. Aber ich finde diese Feldwebeltour eigentlich blöd, nach dem Motto: ,Du wirst erst ein Mann sein, wenn ich dir den Kopf in die Scheiße gedrückt habe.'"

Aber das sei wohl die Generation gewesen, sagt Lachenmann, "Nono ist wohl selbst von Hermann Scherchen so behandelt worden. Ich habe durchaus Widerstandskräfte entwickelt. Vielleicht kann man eine Zeit lang nicht komponieren. Gut so. Wenn einer zu mir sagt: ,Ich haben eine Krise', sage ich: ,Ich gratuliere dir!' Die selbstsicheren Bastler sehe ich skeptisch. Es muss aber ein Selbsterhaltungstrieb da sein, sonst ist man kein Komponist."

Als Lehrer ist Lachenmann per Selbstdefinition "viel netter als Nono, mit dem sich erst nach unserem Streit und einer zwölfjährigen Gesprächspause eine Freundschaft entwickelte. Aber auch so landen Schüler in einer Situation, dass sie vor lauter Skrupel wie gelähmt sind. Ich bin dann bei ihnen, kann seelischen Beistand leisten, an dem soll es nicht fehlen. Aber man kann ihnen nichts abnehmen. Irgendwann müssen sie gleichsam ihren Vater umbringen und sagen: ,Ich bin ich.'", meint der Pfarrerssohn.

Die Konfrontation mit älteren eigenen Werken, die Lachenmann dieser Tage in Salzburg erlebt, ist auch eine Erinnerung an Zeiten, da "ich zweifellos verwegen war. Das ist, als würde man im Alter sehen, wie man einst vom Zehnmeterbrett gesprungen ist. Das war auch ein Spießrutenlauf, weil man ja mit Orchestern zu tun hatte, die weder mental noch technisch vorbereitet waren. In der Zwischenzeit gibt es ein Erfahrungspotenzial. Wenn ich damals das Klangforum Wien oder das Ensemble Modern gehabt hätte, wäre ich wohl noch viel frecher gewesen."

Der ideale Hörer für seine Musik? Womöglich er selbst? "Ich kann es nicht sein, da weiß ich zu viel. Ich bin eher ein Kontrolleur, manchmal auch selbst überrascht und schockiert, wenn die konkrete Situation des Erklingens eintritt. Aber wer nicht überrascht ist, ist im Grunde begrenzt. Wer weiß, was er will, der will nur das, was er schon weiß. Es geht um Unbekanntes, Abenteuerlust." Würde Nono das Mädchen (übrigens auf CD bei Kairos erschienen) mögen? "Ich glaube ja, Nuria Nono-Schönberg hat gemeint: ,Wenn das der Gigi noch hören könnte!'"

(Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 29.08.2002)