Frankfurt am Main - Auszeichnungen und Preise hat Marcel Reich-Ranicki, Ehrendoktor der Universitäten Uppsala, Augsburg, Bamberg, Düsseldorf und zuletzt München, schon viele verliehen bekommen. Darunter den Hölderlin-Preis und die Heine-Plakette. Dennoch stellt der mit 50.000 Euro dotierte Frankfurter Goethepreis, der dem 82-jährigen Publizisten am Mittwochabend in der Paulskirche für sein Lebenswerk und als "profiliertestem deutschem Kritiker" überreicht wurde, "den Höhepunkt" seines Lebens dar, wie Reich-Ranicki erklärte: Er sei "die höchste Auszeichnung, die ich bekommen kann".

Schließlich ist der Goethepreis, vor 75 Jahren ins Leben gerufen, einer der bedeutendsten Kulturpreise in Deutschland. Mit ihm werden an Goethes Geburtstag Persönlichkeiten geehrt, "die mit ihrem Schaffen bereits zur Geltung gelangt sind und deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrungen würdig ist", wie es in der Satzung des Preises steht, der 1926 vom Frankfurter Magistrat gestiftet wurde.

Die Auszeichnung, zunächst jährlich, seit 1949 in der Regel alle drei Jahre verliehen, ist daher kein reiner Literaturpreis: Unter den Geehrten finden sich neben Autoren (wie Ricarda Huch, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Carl Zuckmayer und zuletzt, 1999, Siegfried Lenz) auch Philosophen (Karl Jaspers und Georg Lukács), Regisseure (Ingmar Bergmann und Peter Stein), Komponisten (Hans Pfitzner und Hans Zender). Der Architekt Walter Gropius wurde mit ihm genauso bedacht wie der Physiker Max Planck, der Psychoanalytiker Sigmund Freud und der Historiker Golo Mann.

Der Genius des Dichterfürsten schwebte von Anfang an über allen Preisträgern. Stefan George, der erste Ausgezeichnete, ließ die Jury 1927 wissen, er habe "jede öffentliche Ehrung als Profanisierung seiner Kunst" abgelehnt, den Goethepreis aber nehme er an.

Ein Jahr später, 1928, bekannte der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer als Preisträger, er selbst sei nur ein "Möndlein vor der gewaltigen Sonnenscheibe Goethes". Und Jahrzehnte später, 1994, sagte der Kunsthistoriker Sir Ernst Gombrich, erst die unablässige Lektüre von Goethes Schriften habe den Grundstein für sein eigenes Denken und Forschen gelegt.

Goethe, größter Lyriker

Reich-Ranicki schließlich, der 40. Preisträger, meinte wenige Tage vor der Verleihung, sein Verhältnis zu Goethe sei heute eher noch tiefer als früher: "Goethe ist für mich überhaupt nicht passé. Nach wie vor greife ich häufig zum Faust und zur Lyrik. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass er der größte Lyriker in deutscher Sprache ist." An ihm messe er jeden anderen Autor.

Für die neunköpfige Jury leistete Reich-Ranicki einen "einzigartigen Beitrag zur Auseinandersetzung eines großen Publikums mit Literatur". Es sei ihm "in außerordentlicher Weise gelungen, für Literatur zu interessieren, einzunehmen und zu begeistern". (trenk, dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 29.08.2002)