Werner Vogt

Jörg Haider ist biologisch und sozial das Produkt von Eltern, die nach 1945 unbeeindruckt und treu an dem festhielten, was sie bis dahin geprägt hatte. Politisch ist Haider die Ausgeburt des fünfzigjährigen zwanghaften Verhältnisses von SPÖ und ÖVP. Sein Populismus ist effektiv, sein Rassismus wandlungsfähig. Einmal sind es die Fleißigen und Tüchtigen, dann die Systemverlierer, die er lobt und preist. Einmal wettert er gegen Zuwanderer und Flüchtlinge, dann gegen hausgemachte Ausnützer und Schmarotzer. Einmal gegen die Schwachen, dann gegen die Schwarzen.

Viele hassen Jörg Haider, weit mehr wählen ihn. Man kann gegen ihn anschreiben, er lässt sich aber nicht wegschreiben. Schon deswegen nicht, da die Schreiber wenig eint. Viel Hirnschmalz, keine politische Organisationskraft. Man kann gegen ihn demons- trieren. Das ist dann meist wenig Hirnschmalz, gepaart mit viel Organisationskraft. Die Frage, für wen man ist, wenn man gegen ihn ist, bleibt meist offen.

Freigesprochene Haider-Wähler

Interessanter als er sind die Haider-Wähler. Warum laufen sie ihm zu, wem laufen sie warum davon? Nazis? Nein. Schon am Tag nach der Wahl wurden über eine Million Wähler, ob sie es wollen oder nicht, entnazifiziert. Sie wurden von Kanzler Klima, noch hurtiger von Van der Bellen, großzügig von den im Ausland gehegten Verdächtigungen freigesprochen. Es ging um den Standort Österreich, nicht um die Wahrheit. Zauberformel: Haider schlecht, Wähler gut. Die haben standhaft zur Lossprechung geschwiegen.

Den Sozialdemokraten sind die Arbeiter in Scharen davongelaufen. Auch die unter Dreißigjährigen fühlten sich zum Populisten mächtig hingezogen, entsagten den Roten, entsagten den Schwarzen. Der regierende Klubobmann Wolfgang Schüssel und seine auf Platz drei rasch erstarkten Mannen stellen derzeit Weichen, keine Fragen über verlorene Wähler.

Der etwas ramponierte Kanzler ist vom Macher zum Sondierer mutiert, lässt daher denken. Sein Spin- Doctor sieht die Wahl als verunglückte Klima-Inszenierung. War das Bühnenbild abstoßend? Hat der, auf den es angekommen wäre, beim großen Monolog gestottert? Oder war die Nummer mit der kleinen Lungenentzündung in der feinen Privatklinik zu wenig arbeiternah? Rudas schweigt, wir wissen: Die Bronchitis im öffentlichen Krankenhaus wäre besser angekommen.

Brigitte Ederer fehlt die große Weltutopie. Wie es so läuft im SP-Kosmos, wissen alle, auch Josef Cap. Seine Tragik: Aus politischer Verantwortung muss er, leider, dem Populismus entsagen. Er, der die politische Kultur samt Proporz mit aufgebaut hat, sucht in sich gekehrt nach einer Antwort auf Haider. Noch hat er sie nicht gefunden, aber er hat eine Vision: Diese Antwort soll den Sozialdemokraten wieder 40 bis 50 Prozent an Stimmen einbringen.

Also: Rote Kultur mit staatstragendem Proporz, das soll die Verliererpartei wieder zur Arbeiterpartei machen? Es fehlt die Antwort.

Diskussion klebt am Wahlkampf

Immerhin, die Diskussion um die Fluchtgründe aus den Koalitionsparteien hin zum Alpin-Populisten und seinem Partner, dem Fabrikanten mit dem eiskalt guten Herzen, wird in der SPÖ geführt. Sie klebt aber am Wahlkampf, überbewertet die Inszenierungsfrage, übersieht, dass zu wenig oder nichts für Junge und Einkommensschwache getan würde. Man steigt nicht hinab in den Arbeitsalltag der Davongelaufenen, schert sich nicht um deren Sorgen mit den Wohnungskosten, dem teuren Hort und Kindergarten, dem zermürbenden Kampf mit der stets wachsenden Schuldenlast.

Ferdinand Lacina, nach 15 Jahren politischer Verantwortung in das wohlverdiente Bankenausgedinge - wohin denn sonst - entschwunden, rafft sich im Falter zu einer politischen Grabdiagnose auf: "In Österreich stinkt es gewaltig." Mit beherzter Empörung ruft er zur Demo gegen Geruchsbelästigung auf. Mir wäre weit lieber, er kümmerte sich um die Ursachen für Verschuldung und Umschuldung der kleinen Verdiener, die man in besseren Kreisen Modernisierungsverlierer nennt.

Wer regieren will, braucht konkrete Programme, keine feine Nase. Wer Wahlen gewinnen will, sollte auch nicht im roten, von Polit-Haberern spendierten Cabrio, angefüllt mit teurem Rotwein, lose Sprüche klopfen. Dem Haider verzeihen sie den schnellen Porsche, dem Bürgermeister von Wien aber neiden sie das Luxusgefährt, den prallen Lebensstil. Warum das so ist, verschweigen die Politologen.

Ich kenne den autoritären Führungsstil im roten Wien, in den roten Sozialversicherungseinrichtungen, den Tintenburgen und Spitälern. Das Verhalten vieler Vorgesetzter ist unerträgliches Bonzenverhalten. Wer den dummen, oft Patienten oder Klienten schädigenden Anweisungen nicht gehorcht, widerspricht, wird bedroht und diszipliniert. Wer unterstandslose Kinder und Jugendliche beherbergt, wird außer Dienst gestellt. So will es ein Vorgesetzter in der MA 11. Wenn Betriebsräte, gestärkt durch einstimmige Beschlüsse in Betriebsversammlungen, gegen Auslagerung und Privatisierung von Spitalseinrichtungen demonstrieren, werden sie ignoriert, bedroht.

Das ist rote Proporzkultur: der hochgekommene Parteisoldat als hässlicher Vorgesetzter oder Arbeitnehmer. Allein das Versprechen, dieses System zu beseitigen, wird dem Populisten unentwegt Stimmen zuführen. Denn so unverschämt wie jetzt waren die Proporzfiguren noch nie. Riechen Sie ihren Untergang?

Dr. Werner Vogt, Unfallchirurg und Publizist, war in der Kreisky-Ära Mitbegründer der "Kritischen Medizin".