New York - Wie viele Kunstschätze beim Einsturz des World Trade Centers am 11. September 2001 zerstört wurden, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben: Es gibt keine genauen Aufzeichnungen mehr. Der Wert wird aber auf über 100 Millionen US-Dollar geschätzt. Werke von Pablo Picasso, Roy Lichtenstein, David Hockney und Auguste Rodin fielen dem Terroranschlag zum Opfer. Ein Verzeichnis des Marriott Hotels listet mehr als 40 Arbeiten von Künstlern wie Paul Klee und Le Corbusier auf, die alle zerstört wurden.

Auf den öffentlichen Plätzen standen mehr als hundert Kunstwerke, von denen viele speziell für das WTC gefertigt worden waren. Allein diese waren nach Schätzungen von Experten mehr als zehn Millionen Dollar wert.

Doch vor dem Hintergrund der menschlichen Tragödie erscheinen diese Verluste bedeutungslos. Die Brokerfirma Cantor Fitzgerald und ihr Vorsitzender Howard W. Lutnick lehnten es ab, über den Verlust ihrer Rodin-Sammlung zu reden. Die Firma verlor 658 von 960 Angestellten, darunter Lutnicks Bruder Gary.

Unter den fast 3000 Opfern befand sich auch der Bildhauer Michael Richards, dessen Studio im 92. Stock des Südturms lag. Der 38-Jährige hatte die letzten acht Jahre an einer Serie von Skulpturen über die "Tuskegee Flieger", die schwarzen US-Piloten im Zweiten Weltkrieg, gearbeitet.

Eines der wenigen Stücke, die aus den Schuttmassen geborgen werden konnten, ist die fast acht Meter hohe kugelförmige Skulptur The Sphere (Die Sphäre) des deutschen Bildhauers Fritz Koenig, die 30 Jahre lang auf dem zentralen Platz zwischen den Twin Towers stand. Einen Monat nach den Anschlägen reiste Koenig (78) nach New York, um sich von dem "Stück Abfall", wie er die stark deformierte Kugel nannte, zu verabschieden. Die Stadt New York war jedoch anderer Ansicht und stellte das Werk, das den Wunsch nach globalem Frieden symbolisierte, im März als temporäres Mahnmal im Battery Park auf.

Neben Arbeiten von Joan Miró, Louise Nevelson und Masayuki Nagares wurde auch Elyn Zimmermanns Mahnmal an die Opfer des Bombenattentats auf das WTC 1993 vernichtet. Das Werk bestand aus einem Brunnen, umgeben von einer Mauer, in die die Namen der sechs Opfer geschrieben waren. Zimmermann sagte, dieses Mahnmal zu verlieren, stelle für die Familien der Toten einen doppelten Verlust dar.

Eine Nachbildung von Auguste Rodins Skulptur Der Denker konnte hingegen aus den Trümmern geborgen werden. Die Freude währte aber nur kurz: Die Bronzefigur ist seit Dezember spurlos verschwunden. (dpa)(DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2002)