Wir wollen jetzt nicht gleich sentimental werden, wenn rund ein Drittel der Sammlungsbestände des Österreichischen Tabakmuseums bei den Wiener Kunst Auktionen zur Versteigerung gelangt. Diese Folgeerscheinung des vorjährigen Verkaufs der Austria Tabak AG an den britischen Tabakwarenkonzern Gallaher ist zu verschmerzen. Was diese Auktion - eine weitere steht in Aussicht - jedoch sehr wohl zu einem ernsten Signal macht, ist die Auflösung von jahrelang aufgebauten Kulturwerten in Zusammenhang mit Entstaatlichung. Hier werden Ambitionen kurzerhand zunichte gemacht. Und in diesem Falle kommt zusätzlich das derzeitige Einstellen der Austria-Tabak-Kunstförderungen in Form von Ankäufen. Damit verlieren heimische Kulturschaffende einen ihrer bedeutenden Mäzene. Kritik an der Tabakutensilien-Versteigerung übten die Wiener Freiheitlichen. Sie sprachen von einem "Akt tiefer Kulturlosigkeit". Dabei sollten sie einen Blick in ihre eigenen Reihen werfen - auf Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der als Verantwortlicher den endgültigen Abstoß von Austria Tabak vor einem Jahr als "Musterbeispiel einer Privatisierung" lobte. Mehr privat, weniger Staat: Wie es grundsätzlich weitergehen könnte, zeigt das Beispiel Italien. Dort will die Berlusconi-Regierung über eine neu gegründete Aktiengesellschaft Immobilien im Wert von 2000 Milliarden Euro versteigern, hauptsächlich Kulturgüter (aber auch Strände). Das auf 800 Seiten aufgelistete Staatsinventar, darunter die ehemalige Sommervilla von Kaiser Tiberius auf Capri, soll Geld für Autobahn- und Brückenbau in Süditalien bringen. Beim Tabakmuseum gilt: Nicht die Versteigerung selbst ist zu kritisieren, sondern die generelle Haltung, die dahintersteckt. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2002)