Die jüngere Geschichte der Landeshauptstadt Salzburg und ihrer Umgebung und ihr wirtschaftliches und soziokulturelles Werden und Sein sind aufs Engste mit der Fremdenverkehrswirtschaft verbunden. Mozartstadt, Festspielstadt, Sound of Music: Kaum eine Region lebte und lebt derart von ihren Gästen. Angesichts dessen ist es nur folgerichtig, dass die Zeithistoriker auch die dunklen Kapitel der Landesgeschichte unter dem Blickwinkel touristischer Entwicklungen beleuchten.Der in der Schriftenreihe der Wilfried-Haslauer-Bibliothek erschienene Band widmet sich der Zwischenkriegszeit. Einerseits war Salzburg eine Brutstätte des Deutschnationalismus und des Antisemitismus, andererseits war die Stadt bevorzugte Sommerfrische- und Urlaubsdestination jüdischer Gäste. Dem Dreiecksverhältnis von rassistisch-provinziellem Mief, wirtschaftlich motivierter, serviler Freundlichkeit und saisonbedingt-weltoffener Urbanität spüren die elf Autoren nach. Der Befund ist bedrückend: Zwar hat selbst der nationalsozialistische "Volksruf" erkannt, dass Festspiele und Fremde "Geld ins Land" brächten. Doch in der Nach-Festspielzeit erhob wieder die antisemitische Propaganda ihr Haupt, "vertrieb mit ihrem primitiven Gebläse den Hauch von Weltbürgertum und Weltoffenheit", rsümiert Herausgeber Robert Kriechbaumer. Beklemmend einprägsam sind jene Aufsätze, die sich mit konkreten Vorgängen und Einzelschicksalen beschäftigen, so beispielsweise dem Anfang 1921 vom Mattseer Gemeinderat erlassenen "Arierparagraphen". Der Anlass: Komponist Arnold Schönberg hatte sich mit Familie in der Flachgauer Gemeinde eingemietet. (Thomas Neuhold /DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 8. 2002)