Freiburg - Mit Unruhe reagieren Patienten mit so genannten Cochlea-Implantate auf Berichte, wonach die Innenohrprothesen das Meningitis-Risiko erhöhen. "Mehrere hundert Patienten haben eine bestimmte Form eines Cochlea-Implantats erhalten, die wahrscheinlich das Risiko einer Hirnhautentzündung verstärkt", sagt Roland Laszig, Geschäftsführender Direktor der HNO-Klinik an der Universität Freiburg. Der Wissenschafter bestätigt damit Meldungen der US-Gesundheitsbehörde FDA. Der FDA sind bisher weltweit 52 Meningitis-Fälle, insbesondere bei Kindern, bekannt geworden. Zwölf Patienten starben an der Infektion. Derzeit bereiten Betroffene in den USA Sammelklagen für Schmerzensgeld vor. "Dort gibt es eine regelrechte Hysterie", sagt Laszig. Genaue Daten über die Häufigkeit der Erkrankung und die Höhe des Infektionsrisikos gebe es allerdings noch nicht. Auslöser seien Haemophilus-B- und Pneumokokken-Bakterien, die erst das Mittelohr entzündeten und von dort zur Hirnhaut gelangten. Symptome Typische Symptome der Hirnhautentzündung sind Nackensteife, Lichtempfindlichkeit, Kopfschmerzen und Fieber. Je jünger die Patienten sind, desto unspezifischer sind die Beschwerden. Unbehandelt verläuft die Meningitis meist tödlich. Auf einer Experten-Tagung in Amsterdam im vergangenen Juli hatten die Wissenschafter erste Erfahrungen über das Risiko bei einer Cochlea-Prothese zusammengestellt. Laut Laszig kann die Entzündung bereits wenige Tage nach der Implantation oder auch erst Jahre später auftreten. Zwar könne wahrscheinlich jedes Cochlea-Implantat als Wegbereiter für die Ausbreitung von Infektionen vom Mittelohr in das Innenohr, die so genannte Cochlea, fungieren und somit eine Meningitis verursachen. Nach bisherigen Erkenntnissen scheine das Infektionsrisiko bei Implantaten mit so genannten Zweikomponenten-Elektrodenträger aber deutlich größer zu sein, berichtet der Experte. Hören durchs Implantat Nach Angaben der Hannoverschen Cochlea-Implant-Gesellschaft (HCIG), eine an der Medizinischen Hochschule Hannover gegründeten Patienteninteressenvereinigung, gibt es in Deutschland 200.000 taube Menschen. Bei bis zu 99 Prozent besteht die Chance, mit Hilfe einer elektronischen Innenohrprothese wieder zu hören. Dabei werden über ein Mikrofon die Schallwellen aufgenommen. Das Cochlea-Implant wandelt diese dann in elektrische Impulse um, die mittels einer Elektrode an die natürlich Hörbahn und damit auch zum Gehirn weitergegeben werden. Wem das Implantat hilft, ist individuell unterschiedlich. Laut Laszig könnten etwa 50 Prozent aller zuvor tauben Kinder mit der Prothese einen Regelkindergarten und jedes fünfte eine Regelschule besuchen. 85 Prozent könnten mit dem Implantat auch telefonieren. Etwa 15 Prozent könnten jedoch gar nicht von dem Implantat profitieren. "Über ein kleines, später versiegeltes Loch ragt die Elektrode der Prothese in die Schnecke des Ohrs herein", sagt Laszig über die rund 40.000 Euro teure Operation. Dort würden dann die umgewandelten elektrischen Impulse an den Hörnerv weitergegeben. Eine seit 1998 auf dem Markt befindliche Implantatform mit einem Zweikomponenten-Elektronenträger stehe derzeit im Kreuzfeuer der Kritik. Möglicher Keimweg "Diese, in Europa und den USA mittlerweile vom Markt genommene Prothese, verfügt neben der Elektrode noch über einen so genannten Positioner", sagt Laszig. Diese kleine Silikonschiene werde mit in die Hörschnecke eingeführt und könne die Elektrode an den Hörnerv näher heranführen. Bessere Hörergebnisse seien die Folge. Doch vermutlich könne beim Einführen des Positioners der Zugang zum Innenohr nicht immer richtig versiegelt werden. Über einen Mikrospalt könnten Keime ins Ohr und zur Hirnhaut gelangen und eine Entzündung hervorrufen. Wie der HNO-Arzt Jürgen Neuburger von der Medizinischen Hochschule berichtet, besteht bei einer Infektion auch die Gefahr, dass das Implantat von den Bakterien befallen wird. Dann sei die Prothese nicht mehr zu retten und müsse wieder entfernt werden. "Für Panikmache besteht aber kein Anlass", betont Laszig. Denn gegen Pneumokokken und Haemophilus B könne man sich bereits ab dem zweiten Lebensmonat impfen lassen. Die Wissenschafter empfehlen daher allen CI-Trägern eine Impfung gegen Pneumokokken und Haemophilus-B-Bakterien. Einen 100-prozentigen Impfschutz gibt es allerdings nicht. (APA/AP)